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Die Stille nach dem Schuss Volker Schlöndorff, D 1999 Schlöndorff dreht ja fast nur Literaturverfilmungen - "Der junge Törless", "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Die Blechtrommel". Auch für "Die Stille nach dem Schuss" hat er sich einer literarischen Vorlage bedient, "Nie war ich furchtloser", der Biografie der ehemaligen RAF-Terroristin Inge Viett. Bei Schlöndorff heißt sie Rita Vogt, wird gespielt von Bibiana Beglau und ist eine romantische junge Frau, die aus Liebe zur Terroristin wird und im Pariser Exil an der Revolution zu zweifeln beginnt. Als sie auf der Flucht auf einen Polizisten schießt, ist es um ihre Überzeugung geschehen. Die antiimperialistischen Phrasen, die sie bisher gedroschen hat, haben ihren Sinn verloren, sie will endlich ein normales Leben führen. Sie geht auf ein Angebot der Stasi ein, in der DDR eine neue Identität anzunehmen. Dort heißt es 40 Stunden in der Woche Textilkombinat, wo sie die Alkoholikerin Tatjana kennen- und lieben lernt. Als ihr Fahndungsfoto in der Tagesschau erscheint, fliegt ihre Identität auf. Sie muss Tatjana verlassen und bekommt eine neue Chance von der Stasi. Und findet eine neue Liebe. Dann kommt die Wende und die Forderung der BRD nach Auslieferung. Auf der Flucht wird Rita Vogt erschossen. Inge Viett wurde nicht erschossen, sondern zu 13 Jahren Haft verurteilt und ´97 freigelassen. Sie musste sich ihrer Verantwortung stellen und sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Daraus ist ihre Biografie entstanden. Das Leben ist halt kein Film. Rita Vogt aber ist die jugendliche Unschuld, die stets das Gute will und nur das Böse schafft. Eine ewig lächelnde Sympathieträgerin, die nur an der Welt, niemals aber an sich selbst zweifelt. Als sie in der Firma zehn Ostmark für Nicaragua spendet, merken wenigstens die anderen, dass mit ihr irgendwas nicht stimmt. Nach der Wende darf sie in der Kantine für den Sozialismus predigen und ihre Ostkolleginnen belehren, dass eine Markenjeans noch kein Glück bedeutet. Ach ja, die doofen Ossis wollten ja nur mal richtig einkaufen, und jetzt sehen sie, was sie davon haben. Die von Schlöndorff und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase geschaffene Figur ist nicht romantisch, sondern einfach nur unglaubwürdig. Niemand riskiert aus jugendlichem Übermut bei einer bewaffneten Gefangenenbefreiung sein Leben. Auch eine im Westen verfolgten Terroristin fügt sich nicht einfach lächelnd dem Alltag in Plattenbau und Textilfabrik. Der Sommer an der Ostsee wird als sozialistisches "Baywatch" dargestellt, und irgendwie ist die Ex-Terroristin die bessere DDR-Bürgerin. Sie mäkelt nicht dauernd rum, sondern packt mit an. Und sogar der Stasi-General darf sich als Romantiker bezeichnen, denn schließlich kommen diese Leute ja "aus dem spanischen Bürgerkrieg, aus dem Widerstand gegen Hitler, aus dem Partisanenkampf.", wie Schlöndorff im Presseheft seine Vorstellung von Romantik auf den Punkt bringt. Eigentlich prima Kerle, die Jungs von der Stasi, wenn sie bloß nicht immer an ihren Abhöranlagen hängen würden. Das ist der Grundtenor eines Kostümfilms, den Inge Viett verständlicherweise als falsch empfunden und deshalb ihre Mitarbeit verweigert hat. Dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt, muss eine, die als Terroristin "nur" zu 13 Jahren Haft verurteilt wird und darüber glücklich sein muss, erkennen. Dass es ein gutes Leben im bösen System gibt, versucht uns Schlöndorff mit seiner Geschicht der trotz aller Widrigkeiten lebensbejahenden jungen Frau vorzugaukeln, die die Bedeutung ihrer Taten erst erkennt, als die Kugeln der Polizisten in ihren Rücken einschlagen. Wer ein Märchen erzählen will, sollte sich dafür wenigstens nicht einer Biografie bedienen. Dirk Schneider
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