Das weiße RauschenDas weiße Rauschen, D 2001. R + B + K: Hans Weingartner, Tobias Amann, B + K: Matthias Schellenberg, B: Katrin Blum, S: Dirk Oetelshoeven, Andreas Wodraschke; D: Daniel Brühl, Anabelle Lachatte, Patrick Joswig.
X-Verleih, 31. Januar 2002

Fehlstimmen, vielzählig

Störfrequenzen. Plötzlich sind sie da. Ganz viele Stimmen, die sich vielfach überschneiden und die Lukas Böses zuraunen: "Heute werden wir dich umbringen" und "Ohren zuhalten hilft nicht" und dann: "Du bist fertig, du wirst verrückt, du Penner". Stimmen, die alles kommentieren, die gehässig lachen, die drohen, sich lustig machen und bedrohlich echt wirken. Anfangs versucht Lukas (Daniel Brühl) das rauschende Stimmgewirr exakt zu orten. Aber niemand außer ihm ist zuhause, folglich hört er Wände und Heizkörper ab und sucht nach versteckten Lautsprechern. Wenn die eigene Wahrnehmung zum Trug wird, macht jede für Außenstehende noch so absurde Geste auf einmal Sinn. Die Fenster werden mit Pappe dicht gemacht, leere PC-Gehäuse werden mit imposant vielen Kabeln vernetzt, und der winzige Lichtschein einer Kerze sendet auf dem toten PC-Bildschirm undeutlich flackernde Signale.

Der Wahnsinn hat sein Höllentor geöffnet. Die Diagnose "Schizophrenie" wird das Leiden in Merkmalen bündeln und gesellschaftlich klassifizieren, - wie ein Mensch den Irrsinn durchlebt, sagt sie nicht. In "Das weiße Rauschen", ein Abschlußfilm der Kunsthochschule für Medien in Köln, versucht Hans Weingartner den Riegel zu dieser inneren Hölle rabiat wegzusprengen. Visuell eher nüchtern, setzt der Film den Zuschauer einer brachialen Akustik aus: Die absurden Wortfetzen in Lukas Kopf sind überlaut vertont, ein monotones Brummen transformiert selbst Alltägliches in existentielle Bedrohung - und dabei wirkt alles so authentisch, so unmittelbar nah, als würde Lukas' Innenleben wie Auslegware vor uns ausgebreitet, so greifbar ist sein Leiden, daß jeder mal anfassen darf, mal testen kann, wie sich das anfühlt. Szenen und Dialoge stehen dabei immer für sich selbst, Psychotisches wird nicht für dramaturgische Spannungsbögen ausgeschlachtet, sondern formt Bilder einer Krankheit, ein Krankheitsbild. "Was Sie schon immer über Schizophrenie wissen wollten" könnte der Film auch untertitelt sein, denn wahrhaftig, "Das weiße Rauschen" ließe sich bedenkenlos als Aufklärungsfilm an Schulen einsetzen. Das eigentliche Wunder dadran ist, daß der Film sich trotz solchen Lehrwerts seinen eigenen, künstlerischen Charakter bewahrt hat.

Schon als Lukas sich mit dem Zug aufmacht, um zu seiner Schwester in die aufregende Großstadt zu ziehen, hat die Außenwelt einen Riß bekommen: Alle Geräusche sind überdimensional laut, die wackelige DV-Handkamera suggeriert Haltlosigkeit und Verlorenheit, und das warme, offene Gesicht Daniel Brühls kontrastiert schon fast programmatisch mit dem egoistischen Gehetze der Großstadt. Weingartners Film hält sich an den Dogma-Code, nicht aus Selbstzweck, sondern weil es dem Sujet entspricht. Immer wieder findet er passende Bilder, die Lukas' Zustand transzendieren: So zum Beispiel der Augenblick, als Lukas bei einem Schaufensterpuppen-Hersteller jobbt und die erneut auftretenden Stimmen erstmals in den starren Puppenköpfen ein Gesicht bekommen. Mit panischem Blick steht Lukas inmitten der bewegungslosen Puppen, die ihm hämisch Bosheiten ins Ohr flüstern. Als er dann nach draußen auf die Straße flüchtet, kommen einem die vorbeigehenden Menschenköpfe ebenso puppenhaft vor, und es wirkt völlig logisch, wenn Lukas mit Schreck bemerkt: "Wow, das sind ja alles Roboter, die ganzen Menschen ... - alle Roboter!" Daniel Brühl versteht es, die verwirrt und überspannte Gefühlswelt in überzeugende Gesten zu fassen, man wird nicht müde, ihm zuzuschauen.

Gegen Ende jedoch löst sich der enorm dichte Film auf in ein sonniges Roadmovie zuzüglich klischeebesetzter Hippie-Karawane, wobei der Zuschauer den Kontakt zur Hauptfigur langsam verliert. Man kann es dem Regisseur gerade noch danken, daß die von "The Who" besetzte 'Love reign over me'-Formel am Ende nicht aufgeht, Liebe kann eben nicht alles heilen. Aber esoterische Platitüden, ins knisternde Lagerfeuer gesprochen, bilden eine zu billige Ausflucht aus der Hölle.

Anke Eickhoff

A propos "Schizophrenie":

Über Gehirnforschung, Faszination und Psychodelik unterhielt sich Birgit Glombitza mit Hans Weingartner für filmtext.com.

Vor knapp eineinhalb Jahren brichteten wir mit ähnlich beunruhigter Aufregung von Perfect Blue. Ein durchaus aufwühlendes Anime, dessen Hauptfigur, Mimi, ebenfalls in eine existenzielle Identitätskrise stürtzt. Fast bedrohlicher noch als Lukas. Definitiv auch ein Film für Bildung und Wissenschaft.

Außerdem gibt es unter www.dasweisserauschen.de neben den üblichen Background-Informationen zum Film auch Aufschlußreiches zum Thema Schizophrenie. Wer's gerne ärztlich ratifiziert und abgesegnet mag, sollte unter www.informatik.fh-luebeck.de/icdger/f20-2.htm in den Psyrembel schauen.



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