Angel Express
Rolf Peter Kahl, D 1999

Rolf Peter Kahl debütiert im Regiefach. Er ist dem aufgeschlossenen Publikum bekannt aus "Silvester Countdown" von 1997, den er produziert hat. Und in dem er sich selbst produziert hat. Richtig! Damals war er der böse coole Hauptdarsteller, dessen hin- und herfliegenden Schwanz wir in einer der Eingangsszenen bei einer ipsistischen Tanzvorstellung seines nackigen dürren Trägers beobachten durften. Kleiner Supermacker. Auch in "Angel Express" spielt Rolf Peter die Hauptrolle. Es ist exakt die selbe Rolle - auch wenn es diesmal kein Fotograf, sondern ein Zuhälter sein soll.

Beim ersten Mal haben wir diese Rolle des offensichtlichen alter ego mit Gleichmut ertragen und uns erst dann vollständig abgewendet, als sich am Ende dieser stellenweise akzeptablen Liebesgeschichte herausgestellt hat, was für ein toller Werbehecht der ach so fertige Rolf Peter ist. Damals hieß das Hinterland der Hauptstadt im übrigen noch Polen. Klare Berlinperspektive. Daß die vorgebliche implizite Gesellschaftskritik insgeheim gar nicht ernst gemeint war, sondern vor lauter Fun am Darstellen des zu Kritisierenden aus dem Blick geriet - das wollten wir seinerzeit so wenig monieren, wie wir es bei einem saftigen Kriegsfilm getan hätten. Dieses Mal aber tun wir es.

Ein "neuer Reigen" will dieser Film sein (Zitat aus dem Werbeheft im aktuellen Flyer-Design). Da würden sich Max Ophüls und Arthur Schnitzler bedanken. Dieser Film kennt keinen Gedanken jenseits seiner zeitgeistlichen Klischeelogik. Aber auch gar keinen. Hat in "Silvester Countdown" der Restdilettantismus eben noch einen Rest Unwägbarkeit offengehalten, so will uns "Angel Express" mit der Perfektion seiner Techno Ästhetik bestechen. Wir sind aber nicht bestechlich.

- Natürlich soll hier nicht ad hominem die billige These aufgestellt werden, daß ein kleiner, häßlicher Mann die emotionale Leere seines ego auf der Leinwand kompensiert, wo er die Frauen im Akkord flachlegt. Er braucht sie übrigens nur anzuschauen, schon heben sie ihre Röckchen. Nein: ein einzelner Aspekt dieser unfreiwilligen One - Man - Freakshow soll kritisch gewürdigt werden, und zwar das Berlinbild "Berlin als Bild". Zuvor aber noch ein kurzer Hinweis auf die schwächlichen Analogien zum "Reigen". "Angel Express" ist ein seelenloses Bündel diverser Stadtschicksale, lose gegliedert durch einen primitiven, mit dem Zwischentitel-Holzhammer verabreichten Night / Day - Rhythmus. Der junge Türke, die abgeklärte Fotografin, der Bulle und Waffendealer, die drückende Kindernutte, all die Partygirls und eben der Zuhälter. Es gibt wie im "Reigen" verschiedene Fick-Episoden. Ihre Protagonisten sind genauso austauschbar. Leere Großstadtexistenzen diesmal, die mit der entfremdeten Großstadtwelt nur durch Koks und Zynismus zurecht kommen.

Bloß mit dem bis zum Erbrechen lästigen Unterschied, daß die Großstadt hier eine Hauptstadt ist. Womit wir schon bei dem angekündigten Berlinaspekt wären. Die expliziten Verweise sind zwar sparsamer gesät als in "Silvester Countdown". Der Stadtautobahnring (tolle Metapher: pulsierender Verkehr als Herzschlag der Stadt, siehe HVV). Die orange U-Bahn. Ein vereinzeltes Kfz-Kennzeichen. Pubertäres Saufen unter Neonwerbung auf einem Hochhaus am Alex. Darüber hinaus muß Berlin gar nicht extra gezeigt werden, denn sein Mythos ist in die ganze Bildlichkeit eingezogen. In all die Scheincharaktere. In die ganze Scheinhandlung. Berlin, diese sinnlose Aneinanderreihung von Sex, Drogen und Umsonst. Berlin, dieses Pflaster der Verdammten. Wo die Kräfte unserer Zeit durcheinander tosen. Berlin ist zwar hart - aber es ist unsere existentielle Aufgabe. Sie gilt es zu übernehmen, und wenn wir dabei wie Rolf Peter beim finalen Russisch Roulette dran glauben müssen. Große Maxe scheitern groß. Berlin ist Kampf, Sieg und Niederlage. Berlin ist Rausch und Schlaf. Berlin ist graues Geschlecht. Heilige Hure. Heiliger Bimbam. Die Parties der Yuppies mögen trist sein. Aber wir gehen ja alle trotzdem hin, nicht wahr. Und dort bewähren wir uns. Oder auch nicht. Daß Rolf Peters filmischer Namensvetter Patrick Bateman, der amerikanische Psycho, aus den Achtzigern stammt, mag andeuten, aus welchen Zutaten diese trübe Suppe gekocht ist. Rolf Peter Kahl hat also nach dem Regiezepter gegriffen und schwingt es erbarmungslos. Rette sich, wer kann.

Jakob Hesler


startseite drucken newsletter bestellen