About a BoyAbout a Boy USA 2002, 99 min. R.: Paul Weitz, Chris Weitz B.: Peter Hedges; K: Remi Adefarasin; S: Nick Moore; M: Badly Drawn Boy; D: Hugh Grant, Nicholas Hoult, Sharon Small, Madison Cook, Jordan Cook u. a.Prokino, 16. August 2001

Die Glückskrise

Das Ich ist die Geisteskrankheit des Menschen, sagt Jacques Lacan. Und diese Botschaft meint unsere Populärkultur inzwischen kapiert zu haben. Denn Will (Hugh Grant) teilt uns gleich zu Beginn per Voice-over mit, dass er der Star in der Will-Show war - folglich nicht mehr ist. Also darf sich der ebenfalls am "Projekt Ich" verzweifelnde Zuschauer genüßlich zurücklehnen und von der zu erwartenden Läuterung Wills therapieren lassen. Wie nett, zunächst.

Will ist dabei nicht einfach irgendein junger, erfolgreicher Single-Typ, vielmehr verkörpert er die glorreiche Ikone der Ich-AG - der Typ aus der Gilette-Werbung, sozusagen. Denn er muß für sein Leben voller Luxus und Nichtigkeiten keine Gegenleistung bringen. Die noch immer reichlich fließenden Tantiemen eines Nummer 1 Hits, den einst sein Vater komponiert hatte, bilden die bequeme Grundlage seiner Existenz. Mit einer gesunden Portion Selbstironie schlägt sich Will durch einen Alltag voller Anmachversuche, Fernsehen und Friseurbesuche - exzessives Kiffen und Fußballgucken, wie es Wills literarisches Vorbild bei Nick Hornby noch praktizierte, wurden gestrichen. Schon recht lustig, nur dabei darf es natürlich nicht bleiben. Denn wo ist die Substanz, die Verantwortung, die soziale Kompetenz? Also schmückt Will sich fälschlicherweise mit ebendieser und gibt sich als alleinerziehender Vater aus.

Doch die Inszenierung fliegt auf, und zur Strafe muß er sich nun tatsächlich mit einem Kind rumschlagen, mit dem zwölfjährigen Marcus (Nicholas Houldt). Und der hat dem Playboy Will eine Portion Tragik und Trauma voraus: er ist vaterlos, in der Schule krasser Außenseiter und seine Hippie-Mutter suizidgefährdet. Es kommt, wie es kommen muß: Die beiden Gegenpole finden trotz zahlreicher Hindernisse zusammen und komplettieren sich schließlich zu einer hübschen Ersatzfamilie. Die Ich-Hysterie des supermodernen, urbanen Subjekts scheint überwunden, und die einsamen Elementarteilchen dürfen sich künftig gemeinsam auf der Fernsehcouch kuscheln. Schön wärs.

Klar, das Ich ist ein Projekt des Bürgertums und mit ihm obsolet geworden. Doch das in diesem Film verzweifelt propagierte "Wir", das die einzelnen Elemente unserer zersplitterten Gesellschaft wieder nach einem Bausatz zusammenkitten will, der ebenso gut aus dem Familienprogramm einer konservativen Volkspartei stammen könnte, daran glauben die Filmemacher leider selber nicht. Und lügen, wenn sie ihren Helden Will, den Oberguru der Spaßkultur, von seinem Podest stoßen und ihn sich zum Finale an dem pro-biotischen Weihnachtsessen der Hippiefamilie erfreuen lassen. Denn allzu lechzend klebt die Kamera den gesamten Film über auf der verchromten Welt Wills, rückt dessen Audi-Cabrio und die High-Tech Ausstattung seines Penthouses stets in das hübsch ausgeleuchtete Blickfeld.

Dazu definieren allein die Mimiken und Kommentare des Yuppies Will den Horizont der Normen und Erwartungen der Zuschauer, an dem gemessen die asymmetrischen Ohrringe von Marcus Mutter Fiona (Toni Collette), seine untrendigen Klamotten oder ihr gemeinsames Singen am Klavier immer wieder für Lacher sorgen sollen. Tja, wer den Regelkanon der Popkultur nicht kapiert, gehört halt abgewatscht. Selber schuld, so die "American Pie"-Macher. Das Interesse an den Abgründen der Figuren von Marcus und Fiona ist letztlich nur geheuchelt. Folglich darf die Ich-Hysterie unserer Tage mangels glaubwürdiger Gegenvorschläge doch noch ein paar Tage durch unsere Köpfe spuken.

Henner Schulte-Holtey


A propos "Nick Hornby":

Das bewährte filmtext.com-Archiv bietet natürlich auch eine Kritik der 2000er Verfilmung von High Fidelity.


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