 | | A ma soeur!, Fr./It. 2001. B. und R: Catherine Breillat, K: Yorgos Arvanitis, T: Jean Minondo, Schn: Pascale Chavance, D: Anais Reboux, Roxane Mesquida, LIbero de Rienzo, Arsinée Khanjian, Romain Goupil, Laura Betti Salzgeber, 19. September 2002 | | |
Der Schatten junger Mädchenblüte Das Ende darf man nicht verraten. Heißt es, wegen der Spannung. Hier ist das Ende ein Ausrufezeichen. Auch hinterm Filmtitel steht eins. Ein Ausrufezeichen ändert den Sinn des Vorangegangenen. Vorangegangen ist ein Urlaub am Meer. Mama, Papa, Anais, 12 Jahre, rosa, fett und morbide und dann Elena, 15, sauhübsch, gemein und frisch defloriert von irgendeinem Italo-Lover. Die Mutter fürchtet den Skandal und fährt mit beiden Töchtern heim. Auf einem Rastplatz machen sie Pause. Ein Beil kracht durch die Windschutzscheibe und bohrt sich in Elenas Kopf. Schmutzige Männerhände erwürgen die Mutter. Anais wird brutal missbraucht. Später führt ein Polizist sie davon. "Sie sagt, sie wurde nicht vergewaltigt. ", beteuert er dem Kommissar. "Das brauchen Sie mir nicht zu glauben. ", korrigiert Anais und schaut dabei uns an. Das ist das Ende. Autorenintention schnurzegal - was immer Catherine Breillat beabsichtigt hat mit solchem Schock, er überlagert das Gesehene und zwingt von hinten her wieder von vorne nachzudenken über ihren Film. Zwei heranwachsende Schwestern hat man erlebt, die endlich eine Erfahrung für sich alleine besitzen wollen und doch alles teilen müssen. Zwei Schwestern, die sich dem bloßen Blick unterschiedlicher nicht darstellen könnten und doch stets mit vollziehen, was in der anderen vorgeht. Während die ältere Elena sich nach erpressten Liebesschwüren zum halbherzigen Beischlaf überwindet, rollt Anais im gleichen Hotelzimmer ihre Körpermasse an die Wand und weint. Ob sie nur Neid empfindet oder den Liebeskummer der Schwester gleichsam schon vorwegnimmt, bleibt offen. Der Junge ist, wie anders, einzig an der Affäre interessiert. Ihr Hin und Her aus Gemeinheiten kann die Schwestern nicht auseinander bringen. Eben noch schiebt Elena der beleidigten Anais in einer bitterbösen Geste von Besorgnis einen fetten Schokoriegel in den Mund, dann stehen beide Wange an Wange vor dem Badezimmerspiegel und erläutern sich hellsichtig ihre Beziehung. Elena, ihrer Flittchenrolle wohl gewahr, und Anais, abgeklärt und schlau. Der Moment ist von derart disziplinierter Emotionalität, dass er die hysterische Sexfixierung in Breillats letztem Werk "Romance " (1998) vergessen macht. Wenn die Schwestern gemeinsam im Bett liegen und sich kichernd bittere Wahrheiten an den Kopf werfen, entsteht eine dieser Situation, die vor allem Männer beklommen macht. Wenn der italienische Student quälend lange an Elena herumnestelt, verliert man wie Anais im Bett gegenüber allen Glauben an Romantik. Breillat gibt sich und ihren Darstellern alle Zeit der Welt, das Filmmaterial und die Dialoge sind grobkörnig und inmitten der inszenatorischen Rohheit weiß man plötzlich, wie fürchterlich die Jugend ist, das erste Mal, die große Verzweiflung. So geschickt Breillat als Psychologin waltet, dramaturgisch keilt sie aus. Nach dem vorzeitigen Urlaubsabbruch sitzen die Mädchen plärrend im Wagen, die Mutter, dargeboten von der notorisch exaltierten Arsinée Khanjian, gurkt ketterauchend über die Autobahn. Rechts ein LKW, links ein LKW, Dröhnen, Hupen, Nieselregen, es wird böse enden, das wissen wir aus zweitklassigen Slashermovies. Warum aber dieser Abgrund an Bösem? Er nivelliert, was vorher so sorgsam auseinanderdividiert wurde: Begehren und Hingabe, Lust und Verletzung, Einverständnis und Gewalt. Will der Film behaupten, die Verführung sei kaum weniger schlimm als der Mißbrauch? Alle Männer sind Schweine, läuft's am Ende darauf raus? Oder ist die Horrorshow Anais Rachephantasie, ein schlechter Gag, um einen Schluss zu finden? Gibt es überhaupt zwei Schwestern, oder nur zwei Seelen ach, in einer Brust? Wäre "A ma soeur! " also das grausame Märchen vom Schatten junger Mädchenblüte? Es ist ärgerlich, dass Breillat durch die Verweigerung der Antwort so offensichtlich auf die komplette Verstörung ihres Publikums spekuliert. Den Trick hätte sie nicht nötig gehabt, und ihr schöner Film hat ihn nicht verdient. Urs Richter
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