Apocalypse Now ReduxApocalypse Now Redux, USA 2001. R, B & S: Francis Ford Coppola, Vorlage: Joseph Conrad, S: Walter Murch, K: Vittorio Storaro, M: The Doors, D: Marlon Brando, Martin Sheen, Robert Duvall, Larry Fishburne, Frederic Forrest, Dennis Hopper, Albert Hall, Sam Bottoms, Harrison Ford, Aurore Clement, u.a.
Tobis Studiocanal, 18. Oktober 2001

"Apocalypse Forever"

Während der gesamten Dreharbeiten zu "Apocalypse Now" filmte Eleanor Coppola auf Video mit. Diese Aufnahmen sollten ihr ursprünglich als Gedächtnisstütze für ihr Tagebuch dienen. Zwölf Jahre nach der Premiere in Cannes entstand daraus in Zusammenarbeit mit Fax Bahr und George Hickenlooper dann aber die Dokumentation "Hearts of Darkness". Diese Dokumentation ist für das Verständnis der jetzt anlaufenden Fassung des Films (Redux heißt Wiedergefunden) essentiell. Denn sie beschreibt neben den Irrungen und Wirrungen der Dreharbeiten, den Unwegsamkeiten der Umstände, der endlosen Problemen der Produktion, sehr eindringlich Coppolas 'Approach': nämlich weniger den Wahnsinn des Krieges in seiner Gesamtheit, als vielmehr den Wahnsinn zu zeigen, den dieser Krieg im einzelnen Individuum auslöste. Und sie zeigt vor allem, daß "Apocalypse Now" Coppolas persönlichstes Werk ist.

Coppolas eigene Zweifel über die Sinnhaftigkeit seines Tuns, seine Versagensängste, sind ständig präsent und unterstreichen die Zerbrechlichkeit, die Unsicherheit, die das ganze Projekt, das gesamte Team und alles, was von der Produktion an die Öffentlichkeit drang, prägen. An mehreren Stellen werden die Reaktionen der amerikanischen Presse in Schlagzeilen dokumentiert: 'Apocalypse Now Shrouded In A Veil Of Secrecy', 'Apocalypse When?', 'Apocalypse Forever'. Die Darstellung von Coppolas seelischer Zerissenheit in dieser Doku trägt aber freilich auch zum Mythos um "Apocalypse Now" bei.

Wie stark die Anlehnung an den Roman "Heart of Darkness" von Joseph Conrad ist, und wie sehr davon im Laufe der Dreharbeiten letztlich abgewichen wurde, wie sehr vor allem diese Produktion für alle Beteiligten zu einem Abenteuer-Trip wurde; all das geht aus der Doku hervor. Teilweise auch die Motivation Coppolas zu einigen Entscheidungen, die zur ersten Fassung führten. Die moralischen Fragen, die der Film indirekt (die glorifiziernd wirkende Valkyren-Sequenz) und zum Teil auch direkt aufwirft (besonders in der letzten Sequenz, in der Kurtz Willard vom "Horror" erzählt), bleiben absichtsvoll bestehen. Sie treten in der neuen Fassung sogar stärker hervor. Zwei neue Szenen, in denen explizit auf "Amerikas sinnlose Kriege" verwiesen wird, sind besonders auffällig: Die französische Plantagen-Sequenz und die Time-Magazine-Sequenz. Das neue Ende des Films wirkt ohne das apokalyptische Schlußbild der explodierenden Urwaldfestung konsequenter und macht den Film runder als in der ersten Fassung.

"Apocalypse Now" ist aber auch ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, einen so mächtigen, weil mythenumrankten Film zu kritisieren. Das liest sich durch alle Kritiken und alles Gesprochene hindurch. Eines sei dennoch gesagt. Die sehr persönliche Herangehensweise von Coppola offenbart sich selbst dem unbefangensten Zuschauer, und es stellt sich nach wie vor die Frage, ob diese Reise ins Ich, die sich hier mit der Kriegsthematik und der literarischen Vorlage vermischt, der Zielsetzung, einen Eindruck des Kriegshorrors zu vermitteln, letztlich wirklich dienlich ist.

Achim Wiegand


A propos "Apocalypse Now Redux":

Wie sehr selbst Roger Ebert, der die mit Abstand kompetenteste Kritik zu Apocalypse Now geschrieben hat, vom Mythos um diesen Film beeinflußt ist, kann man auf www.suntimes.com nachlesen.

Daß er auch mit großen Filmen respektlos umgehen kann, demonstriert einmal mehr Mr. Cranky. Und wer sich mit mehr nüchternen Fakten füttern will, welche Stellen nun genau die zirka 50 dazugekommenen Minuten ausmachen, z. B., kann dies bei Greg auf upcomingmovies.com, oder wie immer bei der guten alten imdb tun.

Fakten zur Entstehung:
  • Orson Welles wollte bereits 1939 Heart of Darkness verfilmen; er selbst in der Hauptrolle. Doch bereits nach einer Woche Vorbereitungszeit, als man das Ausmaß der Kosten (anhand der Baupläne) erahnte, starb das Projekt.
  • Coppolas 1969 gegründete Firma American Zoetrope hatte sich zum Ziel gesetzt, Projekten außerhalb der Hollywood-Produktionen Raum zu geben. Apocalypse Now wurde ihre erste Produktion, bei der Coppola selbst Regie führte. Keine große Filmproduktion wollte die Thematik des Vietnamkriegs riskieren, zu einer Zeit, in der der Vietnamkrieg noch in vollem Gange war. "You know, Studio bosses are not noticed for their social courrage." (John Millius, Co-Drehbuchautor).
  • Eine Drehwoche lang war Harvey Keitel Captain Willard.
  • "Es war nicht nur 'Heart of Darkness', es war auch die 'Odyssee': Kilgore - der Zyklop, der überwunden werden muß; die Playboy-Häschen - die Sirenen." (F.F.Coppola)
  • "Es steht einfach nicht in den Sternen, daß wir den Film nicht fertig machen." (F.F.Coppola)
  • Nach einem Typhun wurden die Dreharbeiten für zwei Monate unterbrochen, um die zerstörten Bauten neu aufzubauen.
  • De Marais, der französische Plantagenbesitzer in der traumartigen Sequenz am Ende des Films, zu Willard: "So when you ask me why we stay here .. This is ours, it belongs to us, it keeps our family togehter. I mean, we fight for this. You are American ... you fight for the .. the biggest nothing in history."
  • 1. März 1977: Martin Sheen hat einen Herzinfarkt.
  • 19. April 77: Erster Drehtag mit Martin Sheen 'back on the set'.
  • Ein ganzes Dorf der Iphigau wurde als Kurtzs Privatarmee angeheuert.
  • Eleanor Coppola entdeckt per Zufall die rituelle Tötung des Caribus, ein Ritual der Iphigau.
  • Das Schlußbild der ersten Fassung, die explodierende Dschungelfestung von Colonel Kurtz, entstand durch die Auflage der Philipinischen Regierung, die Bauten nach Drehschluß zu entfernen, und war nur eine Notlösung als Schlußbild der ersten Fassung. Francis Coppola war mit ihr nie zufrieden.


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