 | | Der alte Affe Angst, D 2003. B. und R: Oskar Roehler, K: Hagen Bogdanski, Schn: Uli Schön, M: Martin Todsharow, Pr: Eberhard Junkersdorf, Bernd Burgemeister, Dietmar Güntsche, D: André Hennicke, Marie Bäumer, Vadim Glowna, Christoph Waltz X-Verleih, 24. April 2003 | | |
Die Alte-Affen-Angst Oskar Roehler in Fassbinders Fußstapfen: Ein großes Ja zum Melodram, ein Ja zur Seelenpeepschau, Ja zum Theaterdialog, zum Dekor, zur Hysterie und ein Ja zur Liebe. Die totale Affirmation - bei Fassbinder schlägt sie stets um in Grausamkeit, wie kein Sozialrealismus sie je aufbrächte. Das öffentlich Tabuierte: Homophobie, Xenophobie, Chauvinismus, Sucht, Egozentrik, bricht im Privaten umso heftiger durch. Insofern sind Fassbinders intime Sadismen immer politisch. Sadistisch bei Roehler hingegen ist nur das selbstbefangene Pathos um die Geschichte vom Künstler und seiner Frau. Und das schlechte Drehbuch. Robert ist Theaterregisseur. In seinen Inszenierungen rufen Ganznackte im Halbdunkel: Wir sind einsam. Wir sind traurig. Uns ist kalt. Und so weiter. Als Resümee moderner Befindlichkeit ist so was kaum originell, Robert ahnt es, Roehler weiß es. Also stemmt er die Utopie einer ewigen Liebe gegen Kälte und Einsamkeit. Marie liebt Robert, Robert liebt Marie. So sehr, dass er sie vor dem Lasterhaften der Liebe bewahren will und sich ihr verweigert. "Ich habe mir einen Schutzmechanismus zugelegt gegen die sexuellen Reize meiner Frauen", diktiert Robert seinem Therapeuten in den Notizblock, damit auch wir es verstehen. Ersatzweise holt er sich bei HIV-infizierten Huren blutige Unterhosen. Marie verliert ihr Ungeborenes, kommt, die Narbe am Handgelenk hat uns vorbereitet, in eine Anstalt und flicht am Ende, nach seiner Reue, Gänseblümchen in Roberts Haar. Schneller und immer schneller drehen sich die Königskinder auf grüner Wiese, die Kamera macht mit, im Farbenwirbel schleicht "Der alte Affe Angst" sich klammheimlich von dannen. Große Emotion erträgt man, sofern sie herausfordert, sofern sie Unrecht, Schicksal, tragische Missverhältnisse in die Waagschale wirft. Roberts Problem aber ist vor allem seine Kleinlichkeit. Ihr opfert Roehler nicht nur alle Aufmerksamkeit, sondern fordert Verständnis und verstolpert sich dabei in einem unausgegorenen Themenknäuel: Psychosomatische Impotenz, Koksorgien, Kreativblockade, Angst vorm Alter, Angst vorm Gefühl - alles Greifbare wird zusammengescharrt, um die Druckkulisse zu verstärken. Deutlichstes Symptom dieses Eklektizismus ist Roberts Begegnung mit dem krebskranken Vater. Nach jahrelangem Schweigen hätten sie sich viel zu sagen, der Vater skizziert seinen letzten Roman (der unausgewiesen Stanislaw Lems "Solaris" wiederholt, auch eine Merkwürdigkeit des Drehbuches) und stirbt rechtzeitig, bevor Robert in die Verlegenheit käme, sich wirklich kümmern zu müssen. Verschenkter Stoff. Verschenkt auch die Idee einer großartigen Liebe. Marie allein ist die Ertragende, selbst im Zank ist sie nur leidend, nicht leidenschaftlich, die zärtlichen Szenen sind ein Krampf, und ihre Rücksicht auf alles, was Robert verbockt, gehorcht dem Männertraum von der Mutterglucke. Zwischen derart unausbalancierten Figuren besteht keine Liebe, sondern Abhängigkeit. Die aber verleugnet Roehler. "Ich habe mein Bestes gegeben. Du bist der Mann meines Lebens." säuselt Marie Bäumer im Romy Schneider Timbre. Man glaubt ihr kein Wort. Wie weit würdest Du für die Liebe gehen? - fragt der Film im Untertitel. Bis zur nächsten Apotheke: Viagra besorgen. Urs Richter A propos Oskar Roehler: Weitere Roehler-Filme im filmtext.com-Archiv: die wunderbare "Unberührbare" und der eitle "Suck my Dick".
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