Being John Malkovich
Spike Jonze, USA 1999

Genau so ist es. Wir haben es schon immer geahnt, aber hier führt es endlich einmal einer vor. Büroarbeit läßt nicht genug Kopffreiheit, wozu auch stehen, wenn man die meiste Zeit sitzt. Craig, ein glückloser Marionettenspieler (John Cusack), bewirbt sich für einen Job - im siebeneinhalbten Stockwerk eines New Yorker Bürohauses. Dort sind die Räume nur 1 Meter 50 hoch, und Craig stellt sich seinem neuen Chef mit geknicktem, gebücktem Oberkörper vor. Die kostensparende halbe Etage ist die eine, sehr charmante Idee in Spike Jonzes Komödie "Being John Malkovich". Die andere ging schon durch die Presse: in jenem Stockwerk befindet sich ein Geheimgang direkt in Malkovichs Bewußtsein. Wer sich hineintraut, sieht die Welt eine Viertelstunde mit den Augen von John und wird dann neben einen Highway in New Jersey gespuckt.

Craigs unheimliche Entdeckung eröffnet der Komödie zwei Themen: was heißt es, jemand anderes zu sein? Und was heißt es, John Malkovich zu sein? Die angehimmelte Büronachbarin Maxine kommt schnell auf die Idee, die Malkovich-Pforte kommerziell auszubeuten, 200 Dollar für fünfzehn Minuten, immerhin besser als Bungee Jumping. Aber bald wird das zur Nebensache. Denn Craigs vernachlässigte Frau Lotte (Cameron Diaz mit entstellendem Afro) nutzt Malkovichs sterbliche Hülle, um auf skurrile Weise ihre transsexuellen Gelüste mit eben dieser Maxine zu befriedigen. Lotte kuckt einfach zu und spürt auch, was Malkovich während der Dates mit Maxine so alles anstellt. Ihre Perspektive ähnelt der von Philip Marlowe in "Lady in the Lake", dem einzigen Film jemals, der komplett aus der Sicht der ersten Person Singular gedreht wurde, eine Art innerer Monolog aus dem Off diente damals als Ersatz für die Erzählung. Auch Lotte sieht Malkovichs Privatleben - Spülbecken, Kühlschrank und Taxifahrten - genau so wie wir im Kino als Beobachter zweiter Ordnung, aber ihre Off-Kommentare sind natürlich völlig deplaziert und tatsächlich zum Kaputtlachen.

Nur langsam lernen die Malkovichianer, den fremden Leib zu steuern. Craig hat dabei als Marionettenspieler die besten Karten und entschließt sich schließlich, für immer in Malkovich zu bleiben. Schade, daß erst ab diesem Punkt der echte Malkovich ein Thema wird, via fiktiver Dokumentationen, die nun im TV über seine neue Karrierre als Marionettenspieler berichten. Der Kampf zwischen altem und neuem Ich ging viel zu glatt über die Bühne. Das simplifizierte psychoanalytische Modell mit Craig als erbarmungslosem Über-Ich wird von Jonze ausschließlich zur dramaturgischen Steuerung seiner Komödie verwendet. Natürlich hat er noch etliche Einfälle aus seiner Idee herausdekliniert, aber als Gedanke interessiert sie ihn nicht besonders. Die philosophischen Komplikationen der angeknacksten first person authority dienen lediglich als Sprachmaterial für glanzlose Pointen am Wegesrand.

Man darf sich übrigens nicht davon in die Irre führen lassen, daß Jonze bislang als kreativer Musik-Clip-Regisseur für Aufsehen gesorgt hat. Sein Fat Boy Slim Video ist rührend, witzig, überraschend, sein erster Spielfilm dagegen völlig konventionell. Die Idee mit der Pforte wird als Komödienstoff nach allen Regeln des Genres ausgebeutet, das Drehbuch ist eine mittelmäßige Witzmaschine. Diesen Klamauk hätte eigentlich überdrehte Anarchie à la Monty Python ins Absurde steigern müssen. Aber auf dem Feld der Komik gibt es im Kino wohl nur Rückschritt. Was mich auch noch enttäuscht hat: John Malkovichs Ikonenhaftigkeit wird überhaupt nicht thematisiert. Er ist der Star, und sein Starstatus wird zur Maske für Spitzbubenstreiche.

Das paßt zwar insofern, als Malkovich sich selbst in seiner realen Karrierre als Schauspieler zur Maske aufgebaut hat: der maliziöse Verführer aus den Gefährlichen Liebschaften ist sein Markenzeichen. Aber was es bedeutet, ein lebendiges Markenzeichen zu sein, darüber hätte ich gerne nachgedacht, oder gerne auch gelacht. Oder geht es einfach um das ironische Eingeständnis des Stars, daß er eine leere Variable ist? So wie Brad Pitt in Fight Club? Beliebig füllbare Projektionsflächen? Das ist sicher nur die halbe Wahrheit. Die ganze muß uns jemand anders erzählen. Wir haben gelacht, und anschließend werfen wir den Film den cultural studies zum Fraß vor.

Jakob Hesler


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