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Boogie Nights Paul Thomas Anderson, USA 1997 Der Regisseur, Autor und Produzent von "Boogie Nights", Paul Thomas Anderson, ist erst 26 Jahre alt und mir persönlich bisher nur durch den Kurzfilm "Coffee and Cigarettes" mit Jim Jarmush bekannt. "Boogie Nights" ist sein zweiter im wahrsten Sinne des Wortes abendfüllender Film (155 Minuten!) und läßt ihn zu einer der ganz großen Hoffnungen Hollywoods avancieren. Dafür spricht auch die hochkarätige Besetzung des Filmes: U.a. Burt Reynolds, Mark Wahlberg alias Marky Mark, der aus "Fargo" als glückloser Entführer bekannte William H. Macy, der auch hier eher tragisch abschneidet, und die zuletzt in "The Big Lebowski" agierende Julianne Moore. Mich erinnerte "Boogie Nights" stark an Scorseses "Goodfellas", sowohl thematisch, als auch formal. So beginnt der Film mit einer atemberaubend langen Kamerafahrt, die uns Zuschauer aus großer Höhe über einer Straße in einen wilden Nachtclub mitnimmt, uns in der Disco alle wichtigeren Charaktere des Filmes vorstellt, um gleichzeitig die funky Atmosphäre der 70er zu beschwören, bis sich zum ersten Mal die Blicke der zentralen Figuren des Filmes kreuzen, des jungen Kellners Eddie Adams (Marky Mark) und des Pornomoguls Jack Horner (Burt Reynolds). Die weitere Kameraarbeit hält, was dieser fulminante establishing shot verspricht: Selten sah ich eine so bewegliche Kamera, permanent die Figuren umsegelnd und ihnen sogar bis in den Swimmingpool folgend. Anderson kreiert visuelle Dynamik, ohne sich jedoch in formalen Eitelkeiten zu verlieren, stets behält er seine Charaktere und ihre Geschichte im Blick. Über den Zeitraum von 1977 bis 1984 erzählt "Boogie Nights" vom Aufstieg und Fall des Eddie Adams, der, entdeckt und gefördert von seinem Mentor Jack Horner unter dem Namen Dirk Diggler in den späten 70ern zum überhellen Stern am Pornohimmel aufsteigt, um in den frühen 80ern tief zu fallen. Eddie Adams, oder Dirk Diggler, wie ich ihn nennen möchte, weil mir der Name so gut gefällt, verläßt mit 17 seine Eltern und findet in der Pornobande Horners eine Ersatzfamilie: der Papa ist Horner selbst und die Mama der Pornostar Amber Waves (Julianne Moore, die in "The Big Lebowski" ebenfalls eine Vaginalkünstlerin spielte). Dirk Diggler wird in eine tolerante Familie aufgenommen, eine Familie ohne lästige Inzestverbote, immer zum Feiern und Drogenvernaschen aufgelegt. Frisch, willig, gut bestückt, ist er schnell der neue Star und ermöglicht Horner die Verwirklichung eines Lebenstraumes: Sie drehen einen richtigen Spielfilm, nur daß eben auch gebumst wird. Ende der 70er befindet sich die Pornofilmindustrie auf ihrem Zenit, ihre Helden glauben an ihre Mission und den eigenen Ruhm, ohne zu erkennen, daß ihre Welt doch etwas schmuddeliger ist, als das bürgerliche Vorbild, das echte Hollywood. Uns Zuschauern wird der Unterschied dagegen nur zu gewahr, wenn wir den halbseidenen Glamour der Pornooskarverleihung sehen und Ausschnitte aus Dirk Digglers großen Filmen, die an James Bond angelehnt sein sollen, bestenfalls jedoch an Fernsehserien a la "Starsky and Hutch" erinnern. Erst in den 80ern bricht der bis dahin intakte pornographische Mikrokosmos zusammen. Die Videotechnik erobert den Markt und Ronald Reagan lacht von der Wand. Die neue Prüderie drängt unsere Helden vollends ins gesellschaftliche Abseits, die antibürgerliche Familie zerbricht und Diggler beschleunigt seinen Abstieg noch durch exzessiven Drogenkonsum. Er verliert alles, sein Geld, seine Familie und seine Potenz. Am Ende ist ihm nur noch sein großer Schwanz geblieben und bevor Diggler wieder zu drehen beginnt, versucht er sich vor einem Spiegel im direkten Zwiegespräch mit seinem bis dahin vielbeschworenem, aber nie gezeigtem Geschlechtsteil zu versichern, daß er immer noch ein Star ist. In dieser wehmütigen Szene sehen wir Marky Mark (für alle jugendlichen Fans von ihm: ich glaube der Penis ist eine Attrappe!) im Miami Vice-Outfit: Rosa Hemd, weißes Jackett, beides weich fallend und die Ärmel leicht geschoppt. Damit sind wir bei einem weiteren Punkt, der mich an "Goodfellas" erinnerte und der mir allergrößtes Vergnügen bereitete, denn die detailverliebte Ausstattung und die Musik spiegeln sehr genau den Wechsel der Dekaden. Besonders gefreut hat mich das erste Auftauchen von Silikonbrüsten und das Wiederhören mit Nenas 99 Luftballons bei einer äußerst bleihaltigen Schlüsselszene. Kostüme, Ausstattung, Musik, all das bildet in "Boogie Nights" nicht einfach ein reiches Reservoir für Wiedererkennungseffekte oder eine beliebige stimmungsvolle Kulisse, es ist im Gegenteil mit der erzählten Geschichte und dem Anliegen des ganzen Filmes untrennbar verbunden. "Boogie Nights" verkommt nie zur bloßen Materialschlacht. Beeindruckend genau inszeniert Anderson dagegen den Übergang von den vergleichsweise naiven 70ern zu den verkokst-hysterischen 80ern und verflechtet diesen Hintergrund mit dem persönlichen Niedergang der Charaktere. Das reflektierte Vorgehen Andersons setzt sich fort, wenn er beim Casting seiner Schauspieler Sensibilität für ihre jeweilige Darstellergeschichte beweist, feierte doch z.B. Burt Reynolds seine größten Erfolge in eben den 70ern, um dann lange Zeit in der Versenkung zu verschwinden und erst mit "Boogie Nights" ein vielbeachtetes Comeback zu feiern (er wurde u.a. für den Oscar nominiert). Und wenn Marky Mark, der Teenie-Star der 90er, im perfekten 70er-Look tanzt, so ist er eine treffende Kopie des legendären Teenie-Stars der Disco-Ära, der 1977 mit seinem größten Erfolg die 70er Jahre eigentlich erst kreierte: die Rede ist natürlich von John Travolta in "Saturday Night Fever". Ein weiteres Sahnehäubchen bildete für mich die Einfügung verschiedener Filmmaterialien und -formate. Als Filme im Film sehen wir ein Fernsehfeature über Dirk Diggler und diverse Ausschnitte aus seinen Werken. Dabei sind insbesondere die Pornodreharbeiten intelligent von Anderson in Szene gesetzt, wenn wir Zuschauer manchmal durch die Pornokamera blickend quasi mit auf dem Set sind und in grobkörnigem 16mm sehen, was später der Porno sein wird, in der nächsten Einstellung aber bereits wieder die neutral beobachtende Position der offiziellen und damit unsichtbaren Kamera einnehmen. Solcherlei reflektiertes formales Vorgehen weist Anderson als einen ambitionierten Filmemacher aus, der uns mit "Boogie Nights" nicht nur 155 Minuten glänzende Unterhaltung und visuellen Genuß beschert, sondern die Zeichnung eines Sittengemäldes. Denn "Boogie Nights" läutet nicht einfach das eh schon lange eingeläutete 80er Revival ein, indem er auf billige Nostalgieeffekte setzt, wie wir sie aus der absterbenden 70er Retrowelle kennen, sondern er liefert viel eher eine ästhetische Analyse vergangener Populärkultur, einen spezifischen Blick auf eine Dekade, die zur Historie geworden ist. Und wer meint, jetzt müßte ich mich ja wohl in meinem Enthusiasmus etwas vergallopiert haben, der sei aufgefordert selbst ins Kino zu gehen und meine kühnen Thesen zu überprüfen. Björn Vosgerau
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