Brother
Takeshi Kitano, Japan/UK 2000

Die Bezeichnung Bruder wirkt außerhalb der Familie schnell sentimental. "Bruder" - so adelt der eine Underdog den andern. "Er is'n echter Bruder" sagt etwa Fatih Akin über Moritz Bleibtreu. Wie er dadurch adeln möchte, bleibt zwar fraglich, aber allgemein markiert "Bruder" nicht nur Gemütsverwandtschaft, sondern auch Zugehörigkeit zur Clique und Absetzbewegung gegenüber allen Nichtbrüdern. Etwas Männer- und Geheimbündlerisches klingt dabei mit an: "Bruderschaft" lässt an Freimaurer denken.

Kreise, in denen dieser Bruderkodex besonders streng funktioniert, sind diverse kriminelle Vereinigungen. Zumindest lautet so eine belletristische Behauptung. "Camorra", "Cosa Nostra", "Medellin-Kartell" - die Namen sind mit schauriger Romantik assoziiert. Mit Vito Corleone oder Neger Kalle Schwensen würde man vielleicht mal Pasta essen gehen. Mit der Albaner Mafia lieber nicht.

Die Bruderschaft in Japan heißt Yakuza und ersetzt in der dortigen Populärkultur die hinfällige Ehrgemeinschaft der Samurai. Der Regisseur Takeshi Kitano hat einige großartige Filme gedreht, in denen er in einer Mischung aus Zorn und Humor und doch stoischer Haltung vorgeführt hat, worin die Verklärung und das Falsche in solchem Anachronismus liegt. Seine Yakuza in "Violent Cop", "Boiling Point" und "Sonatine" sind loyal, aber im Ernstfall gegenüber jedem. Sie sind eiskalte Killer, aber ihre Morde meist blanker Zufall. Sie besitzen menschliche Größe, aber benehmen sich am liebsten wie kleine Kinder. Kitanos Filme lassen sich auch als Sittenporträt verstehen, als Brennspiegel der japanischen Gesellschaft, die das Individuum nach seinem Marktwert innerhalb eines Kollektivs taxiert. Genau diesem Marktwertdenken konterte Kitano bislang auch erzählerisch, wenn er die Motivationen seiner Figuren unterbestimmt ließ, wenn seine Kamera sich minutenlang Nebensächlichkeiten widmete, wenn sie filmische Standards verweigerte und eigene erfand. In einer der schönsten Montagen in "Boiling Point" thront Kitano als Gangster inmitten eines Orchideenfeldes, das Haupt geziert mit einer leuchtend-orangen Blütenkrone. In einem Orchideenstrauch hält er dann auch die Maschinenpistole versteckt, mit der er wenig später die Gegner massakriert.

Eine der Bruderschaften in Amerika nennt sich "Hollywood" und auch ihr haftet der Verdacht kriminellen Vereinnehmens an. Kitano hat sich ihr nun in der waghalsigsten Haltung genähert: als teilnehmender Beobachter. In "Brother" spielt er einen Yakuza, der nach Los Angeles verbannt wird. Opfer der Clanpolitik . Lebensmüde stiftet er dort einen Drogenkrieg zwischen Italomafia, Hispano-Dealern und Hiphoppern an, anfänglich eine ganz private Fingerübung, dann ein cool eingefädelter Suizid. Der außer ihm einer Menge Menschen das Leben kostet, aber den wenigen Überlebenden auch etwas vererbt: Entschlossenheit, Disziplin, Treue. Die frühen Filme waren da fatalistischer.

Dazu passt auch, dass "Brother" zwar der mit Abstand blutigste Film Kitanos ist, aber nicht der brutalste. Denn die Gewaltorgien folgen einander wie am Fließband. Fast pornographisch: im Fünfminutentakt wird eine Nummer fällig. Die verspielte Heiterkeit fehlt, die in anderen Filmen erst die Gewichtung, letztlich die Sinnlosigkeit des Exzesses verdeutlicht hatte. War Gewalt in Kitanos Filmen nie funktionales Gelenk der Erzählung, so ist sie in "Brother" zumindest Bestandteil eines Genres und bedient dessen Versprechen. Wenn der Film auch durch seinen zuvorkommenden Übergehorsam die Hausregeln dieses Genres hätte bloßstellen können, so bescheidet er sich - leider - in einer Reihung bewährter Motive: Wie sadistisch lassen sich Essstäbchen handhaben. Welche Körperteile kann man sich selbst mit Sushimessern abtrennen. Wie viele Einschusslöcher verträgt ein Seidenanzug, bevor er Form verliert.

Kitano hat eine der Regeln der amerikanischen Bruderschaft unterschätzt: Wer beobachtet, macht bereits mit.

Urs Richter


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