 | | Close-Up, (Nema-ye Nazdik) Iran 1990. R., B. und Schn: Abbas Kiarostami, K: Ali Resa Zarrin-Dast, Pr: Ali Resa Zarrin, D: Hossain Sabzian, Mohsen Makhmalbaf, Abofazl Ahankhah, Mehrdad Ahankhah, Manoochehr Ahankhah, Mahrokh Ahankhah, Ahmad Reza Moayed Mohseni. Auf DVD bei Facets Video | | |
Der Regisseur spielt eine Rolle Wie immer bei Kiarostami ist die Handlung ganz schlicht: Ein hundsarmer, schlauer Tagelöhner gibt sich vor einer filminteressierten Dame als Mohsen Makhmalbaf aus, der berühmte Regisseur. (Makhmalbaf ist seit seinen Filmen "The Cyclist" (1987) und "Marriage of the Blessed" (1988) ein Volksheld im Iran, ein Wilhelm Tell, dessen Waffe die Kunst ist.) Ein paar Tage später besucht er die noch filmbegeisterteren Söhne der Madame, genießt die Gastfreundschaft der Familie, borgt sich Geld und entlohnt die Geschmeichelten mit geistreichen Einsichten über das Wesen der Kunst und verlockenden Aussichten auf tragende Rollen im anstehenden Werk. Sein eigener Auftritt ist trotz aller Eloquenz wenig haltbar, der Schwindel fliegt auf, der Tagelöhner wird verhaftet. Die Hälfte von "Close-Up" besteht in der Dokumentation des angestrengten Prozesses, die Kiarostami nach bürokratischem Heckmeck durchsetzen konnte, denn - der Fall ist authentisch. Zwei 16mm Kameras richtet Kiarostami in den Gerichtssaal: Das Close-Up auf den beredten Hossain Sabzian und die hinter ihm angeordnete Familie, deren Empörung sich zunehmend verflüchtigt - und, überkreuz, eine Halbtotale auf den müden, weisen Mullah und seine Protokollführer. Dazwischen steht ein Tonmann im Bild herum, eifrig bemüht, das Gesagte zu angeln. Etwa die Zwischenfragen des Regisseurs, der, soweit "Hohes Gericht erlauben", einen Prozeß im Prozeß anzettelt als Anwalt nicht unbedingt auf Seiten des Angeklagten, sondern im Interesse der feinen Grenzziehung zwischen Inszenierung, Spiel und Wirklichkeit. "Ob Herr Sabzian denn jetzt, die Kamera auf sich gerichtet, nicht ebenfalls darstellerisch agiere?", hakt Kiarostami ein. "Nein", kommt nach - effektvoller! - Denkpause die Antwort, "jetzt spreche er aus dem Herzen, etwas vorgespielt habe er lediglich im Haus der Familie". "Wenn Herr Sabzian wählen könnte, wäre er lieber Regisseur oder lieber Schauspieler?", will Kiarostami dann wissen. "Lieber Schauspieler", beteuert der Angeklagte und, alter Fuchs: "ein Regisseur spielt auch eine Rolle." Heulen vor Glück möchte man, so gescheit ist dieses Kino. Das Davor und das Danach des Prozesses inszeniert Kiarostami auf 35mm und überredet die Beteiligten, ihren Part jeweils selbst nachzuspielen. So kommen sie also in der Verlängerung eines Filmes, der ihr bloßer Wunschtraum bleiben mußte, doch noch zu einem Auftritt. Zum versöhnlichen Ende holt gar der echte Mohsen Makhmalbaf den falschen vom Gefängnis ab. Mit einem Topf Blumen als Entschuldigung knattern beide auf dem Moped zum Heim der unbeschadet Geschädigten. (Was eigentlich haben sie durch den Betrug verloren? Ihre Illusion?) Unterwegs fällt der Ton aus, Makhmalbafs Ansteckmikro ist kaputt und was immer sich Fahrer und Sozius gesagt haben mögen, und wie sehr wir es wissen wollen, die technische Panne führt zu den anrührendsten Momenten des Films: mucksmäuschenstilles Herumkurven in Teherans abendlichem Dauerstau. Etwas später setzt, zum einzigen Mal, Musik ein. Die Wirkung ist betörend. (Ein Trick übrigens, den Kiarostami in anderen Filmen wiederholt.) Meine andere Lieblingsszene: Ein headline-gierender Reporter hat Wind von dem Betrugsfall bekommen und läßt sich im Taxi, zwei Soldaten auf der Rückbank, zur Villa der Familie fahren. Er steigt alleine aus, geht ins Haus, kehrt mit dem aufgeregten Patriarchen zurück, winkt dann die bewaffneten Soldaten hinein, drin wird es mäßig hektisch. Kiarostami aber bleibt draußen. Läßt den Taxifahrer den Wagen wenden, aussteigen, herumschlendern, ein Sträußchen welker Blumen aus einem Laubhaufen klauben und dabei eine leere Dose anstoßen. Sie rollt die Straße hinunter, gemütlich kleppernd, rollt und rollt und rollt. Nirgends sonst habe ich eine so gelassene und heitere Absage an das erzählerisch vermeintlich Notwendige gesehen. (Die finale Achtminutenfahrt in Antonionis "Profession Reporter" etwa ist da viel kunstwilliger.) Ein paar Szenen weiter bekommt die Dose ihren zweiten kleinen Auftritt: Der Reporter muß über sie stolpern. Noch heute, nach all den Festivalerfolgen und preisgekrönten Werken hält Kiarostami diesen kleinen Film, "Close-Up" für seinen besten - und so unterschiedliche Fans wie Godard, Tarantino, Scorsese, Moretti und Kurosawa geben ihm recht. Urs Richter A propos "Close-Up": In einem Interview mit indieWIRE bekennt Kiarostami freimütig, im Rückblick selbst nicht mehr auseinanderdividieren zu können, was Inszenierung und was Dokumentation ist: "When I was watching "Close-Up" last night, I couldn't remember which lines I gave to the actors and which ones they gave to me, and I like that. I think the ideal is for the two sides to fall into a unified whole." Im Übrigen erläutert er seine Vision eines Poetischen Kinos und das Entstehen seines neuesten Werkes "ABC Africa". Wer Informationen über Mohsen Makhmalbaf und seine nicht weniger eigensinnige Tochter Samira sucht, kann auf der Homepage der Familie anfangen. Für einen ungefähren Überblick über das neue iranische Kino verweisen wir auf uns selbst.
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