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Dancer In The Dark Lars von Trier, DK 2000 Die Wahrheit des Herzens ist einfach. Doch auf dieser Welt hat sie es nicht leicht. Deshalb müssen sich Heilige meist opfern. Verklärung des Opfers ist religiöser Kitsch, damit kann man uns jagen. Um so bestürzender das Kino des Lars von Trier, denn aus eben jenem ungenießbaren Stoff macht er bedingungslose Heiligenfilme, die man bedingungslos lieben muß. Seine Heldinnen leben die übermenschliche Liebe, ein unmenschliches Martyrium - und triumphieren auf irritierend strahlende Weise. Bess liebte Jan und den lieben Gott ("Breaking The Waves"). Selma liebt ihren Sohn und die Musik ("Dancer In The Dark"). Keine Wiederholung, sondern Fortschritt und insistierende Reflexion: von Trier erzählt nun den an sich kitschigen Mythos des weiblichen Opfers aus Liebe in der Sprache des Kitsches an sich - als Musical-Film. Sein exzessiver Dokumentarismus, der das Melodramatische bricht, steht selbst in radikaler Spannung zu Björks überhöhenden Musicaleinlagen. Die wagnerianische Ouvertüre zu vier Minuten schwarzer Leinwand gibt dazu den Auftakt. Im Anfang war die Musik. Abrupter Sprung in die Wirklichkeit: fahrige Bilder von einer Laien-Probe mit Selma (Björk) als Maria, die herzensgute singende Nonne in "The Sound Of Music", der Genre-Folie des Films (einschlägig übrigens auch Catherine Deneuve als ihre Freundin: einst durch Musicals bekannt geworden, aber stimmlich immer gedoubelt, darf Deneuve hier zum ersten Mal singen). Im Alltag ruiniert sich die erblindende Selma in der Fabrik, um durch eine teure Operation dem Sohn ihre erbliche Krankheit zu ersparen. Robby Müllers nervöse, überaus genaue und alles andere als willkürliche Handkamera zeigt das in mürben Pastelltönen. Die gerissenen Schwenks stecken den Raum der Akteure ab, machen so den Bogen eines Gesprächs sichtbar, wenn die blinde Selma und der geldknappe Bill (der sie verraten wird, den sie töten wird, wofür sie sterben wird) sich ihre Geheimnisse gestehen. Sie kommen aufs Musical, das beide lieben, die Kamera geht nicht mehr hin und her, geht zurück, Björks Augen leuchten. Wenn Selma dann bei der Arbeit tagträumt, hört sie aus dem Maschinenstampfen den Rhythmus zu einer wunderbaren Verwandlung der Welt. Die Musik sampelt das Geräusch und Björk singt. Plötzlich knallfarbene, statische Wahrnehmungsweise, clipmäßig geschnitten. Alle tanzen. Die Toten stehen auf und die Lebenden sind gesänftigt. Riskante prismatische Auffächerung der Unwirklichkeitsebenen zwischen Leben und Kunst - und Weltflucht. - Die Spannung von Authentizität und Verklärung ins Populäre gelingt, weil die Rolle der Heiligen, und das grenzt ans Wunder, nach Emily Watson erneut perfekt besetzt wurde. Erstens spielt Björk Selmas Nuancen von Verklemmtheit bis Begeisterung, von Zärtlichkeit bis Härte mit hinreißender Präzision, detailliert bis ins Spiel ihrer Finger (Goldene Palme '00). Zweitens ist die Musikerin Björk als Selma deshalb so adäquat, weil ihre Figur immer schon den selben Spagat zwischen entwaffnender Naivität und wissender Tiefe zelebriert wie die Anlage dieses Films. "Dancer In The Dark" zeigt den Trost der ästhetischen Versöhnung und auch noch sein Trügerisches. Daß sich das aufs Kino selbst bezieht, liegt auf der Hand und ganz in der Linie der Wende von Triers hin zum Filmischen und seinen Bedingungen, weg von der akademischen Überfrachtung der Kunstruine "Element Of Crime", weg vom steifen Symbolismus der Kopf-Totgeburt "Medea" (seinem ersten Porträt einer starken Frau). Die Herzenswahrheit des konvertierten Dänen mag man suspekt finden, weil störrisch katholisch - wie er sie aber wohlkalkuliert in affirmative Anführungszeichen setzt und die großen Gefühle ins neu imaginierte Bild des Genres, wie er dabei an die Grenzen der ästhetischen Umsetzbarkeit geht, ohne je die Unmittelbarkeit seiner Heldin zu verraten - das erschüttert, ist mutig und klug und jedem Zynismus haushoch überlegen. Jakob Hesler
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