DaredevilDaredevil, USA 2003. R. und B: Mark Steven Johnson (nach Stan Lee), K: Ericson Core, Schn: Dennis Wirkler, Armen Minasian, M: Graeme Revell; Pr: Kathleen Courtney, D: Ben Affleck, Jennifer Garner, Collin Farrell, M. C. Duncan, Erick Avari
Verleih: Fox; Bundesstart: 20.03.2003

Verweile doch

Eineinhalb Stunden lang bietet "Daredevil" Kino, wie es überall auf der Welt nicht nur gesehen, sondern auch geliebt wird. Direkt, ohne plump zu sein. Einfallsreich, ohne den roten Faden zu verlieren. Spektakulär, ohne dass der Verdacht aufkommt, "Daredevil" sei lediglich ein Bluff der Filmwerbung. Erst sieben Minuten vor Schluss treten die ‚Woam!' und ‚Zong!' Gesetze des Comic-Universum in Kraft, gleichsam überwölkt von Sprechblasen-Lakonie, durchgesetzt von hammerharten Fausthieben. Hier wendet sich der Film plötzlich exklusiv an die Superheldenfangemeinde, für die Stan Lee Anfang der sechziger Jahre "Daredevil" erfand, und erfüllt deren Erwartung, dass auch angefochtene Heroen irgendwann wieder zwischen Gut und Böse müssen unterscheiden können: Daredevils Rachedurst versiegt ausgerechnet, als er über das Leben des Mannes verfügen kann, der ihm Vater und Geliebte raubte.

Obwohl sich der Latex-Vermummte also seltsam bekehrt an der Gummimaske aus dem amoralischen Sumpf zieht, trennt man sich von ihm nur ungern. Deshalb, weil der Film das Gefühl geben kann, ganz da zu sein und doch allem enthoben. Gehuldigt wird absoluter Gegenwärtigkeit. Etwa in der Wahl der Waffen von Protagonist und Antagonist. Daredevil schleudert immerhin ein Messer, das tagsüber in dem Stock verborgen ist, mit dessen Hilfe er als blinder Anwalt Matt Murdock die Straße überquert. Seinem Gegner Bullseye (Colin Farrell) genügen hingegen Büroklammern, die er straff zieht und auch aus größerer Entfernung mit tödlicher Wirkung im Hals seiner Opfer versenkt - womit die Teppichmesser der Flugzeug-Attentäter vom 11. September eindeutig unterboten wären. Die jüngste Zeitgeschichte erklärt, warum Superhelden und -bösewichter auf Schusswaffen verzichten - das hat was Mythisches. Mag jeder Mythos auch eine Geschichte sein, er selbst hat keine, sondern nur das Jetzt seines Erzähltwerdens. Ganz Mythos, meißelt "Daredevil" Augenblicke zu Ewigkeiten.

Die Übeltäter, die Matt Murdock im Namen seiner ausschließlich unschuldigen Mandanten im Gerichtssaal nicht überführen kann, bringt er nach Büroschluss als Daredevil zur Strecke. Doch mit jedem Vergewaltiger, den er zum Überfahrenlassen vor die U-Bahn wirft, frisst sich der Zweifel am Sinn seiner Mission weiter in ihn hinein. Beichten hilft da nicht viel, Liebe vielleicht. Murdock lernt Elektra (Jennifer Garner) kennen, Tochter des schwerreichen Geschäftsmanns Natchio (Erick Avari). Sie verlieben sich, doch Natchio wird von Bullseye ermordet. Elektra hält Daredevil für den Mörder und erst kurz vor ihrem Tod erfährt sie die Wahrheit. Das ist bewegend, weil die Geschichte dahinfließt, obwohl jeder ihrer Momente die Schwerkraft des Statuarischen hat. Wie sich Matt und Elektra begegnen, miteinander tanzen, miteinander schlafen: Nichts als Standardsituationen, in denen sich die Romanze zur Abstraktion überhöht, entleert um leiseste Spuren des Individuellen. Aber dafür ein Versprechen gibt von der Unvergänglichkeit der Liebe selbst und sich den Träumen der Zuschauer öffnet.

Strömender Stillstand und entrückte Präsenz belegen die geradezu kontemplative Ruhe auf dem Grund aller Action. Kontrapunktische Konstruktion hat daran bedeutenden Anteil. Bildästhetisch stürmt "Daredevil" ungestüm nach vorn, erzähltechnisch wird hingegen oft der Rückwärtsgang eingelegt. Der Film treibt einerseits die Spaltung von Auge und Wahrnehmung, von Sehen und Gesehenwerden im amerikanischen Mainstream-Kino voran. Tom Cruise blickt in "Minority Report" mit den Augen eines anderen, Ben Affleck entwickelt als blinder Murdock /Daredevil - was für eine großartige Idee, ein Superheld mit einem so kapitalen Handikap! - einen inneren Blick von röntgenhafter Durchdringungskraft, der von den Daten aller anderen, ungeheuer intensivierten Sinnesorgane gespeist wird. Andererseits und als Gegengewicht dieses Avantgardismus liegt der erzählerische Akzent auf allem, was in irgendeiner Form mit Rückkehr zu tun hat: Daredevils Vorgeschichte, seine immer mühseligere, gewissensbeladene Heimkehr in den Schlupfwinkel, seine Wiederentdeckung der Regungen des Herzens. Die Bewahrung dieses meditativen Gleichgewichts gibt "Daredevil" das Recht, zu allzu guter letzt mit der moralischen Überheblichkeit des Achtjährigen alle niederen Beweggründe von sich zu weisen.

Andreas Günther


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