El Valley Centro
James Benning, USA 2000.

Ein Gebirgssee, umgeben von zerklüfteten rötlichen Felswänden. Die Kamera scheint dicht über dem olivgrünen Wasser zu schweben. Vorn im Bild: ein Loch im See - das Wasser fließt nach innen, nach unten ab, im Kreis, wie im Abfluß des Spülbeckens. Ein Stausee, dem auf diese Weise unaufhörlich Wasser entzogen wird. Das geht zweieinhalb Minuten so und ist die erste von 35 starren Einstellungen, aus denen der Amerikaner James Benning seinen experimentellen Dokumentarfilm "El Valley Centro" montiert hat. Die Wirkung ist verblüffend. Eine Wahrnehmungs-Übung, die zum Sehen, Hören, Denken zwingt, die dabei das Zeigen selbst noch zeigt - aber keine akademische Etüde, sondern ein klares politisches Statement. Alle Einstellungen zeigen Ansichten eines kalifornischen Tals: Landschaft diesseits von Naturschönheit, diesseits auch von ihrem modernen Gegenstück, der Industrieromantik. Das heißt, Landschaft als zivilisatorischer Raum. Hauptsächlich Agrokultur, aber auch Menschen und Dorfkreuzungen.

Noch bevor man den inhaltlichen Zusammenhang begriffen hat, ist man schon von der ästhetischen Herausforderung in den Bann gezogen. Was als langweiliges Standbild zum Beispiel eines Ackers im Nebel daherzukommen scheint, entpuppt sich allmählich als wuselnder Bewegungsherd. Die Heustoppeln im Vordergrund zucken unmerklich im Wind. Ein fernes Wummern überschreitet die Wahrnehmungsgrenze, und plötzlich erscheint ein Traktor und fährt ganz langsam ins Bild. Das ist die Entdeckung der Plötzlichkeit der Langsamkeit, die Wiedererlangung des Gehörs. Bennings unkommentierter Film bildet ganz einfach ab - aber seine Bilder sind exakt komponiert, geometrisch inszeniert. Ihre subtile Choreographie reflektiert die zeitliche Ausgedehntheit der Wahrnehmung. Der Augenblick hat eine Dauer. Zweieinhalb Minuten fährt ein Güterzug vorbei. Und ist auf einmal fort. Die Stille scheint ohrenbetäubend.

Erstaunlich, wie die wache Kontemplation (das Gegenteil von gefühlsduseliger Hingabe) das Publikum fesselt. Über Bennings ökonomisch eingesetzten Humor lacht es befreit und schallend. Wir sehen schon wieder ein Feld, begrenzt durch eine Art Wall, die Einstellung ist wie viele horizontal gliedert, oben blauer Himmel. Unvermittelt taucht rechts ein gigantischer Containerfrachter auf. Der Wall ist das Ufer eines verdeckten Binnenkanals! Bevor das Schiff links verschwindet, kommt aus der Gegenrichtung - die zweite Überraschung - ein Segelboot, von dem man nur die Segel sieht. Die Erwartung des Betrachters erweist sich regelmäßig als Täuschung, weil der sich selbst in seiner Gleichgültigkeit die Erfahrung beschneidet.

Ebenso erweist sich die Landschaft als mehr als nur Landschaft. Denn Benning erzählt durch die Montage der 35 vermeintlich nüchternen Einstellungen auf präzise Weise die Geschichte der Ausbeutung des Great Central Valley. Roter Faden: die zentrale Rolle des Wassers und seiner Bewegungen. Es will gefördert, verteilt, ausgebracht, wiedergewonnen werden. Die zerstörerischen Folgen der Monokultur werden genauso gezeigt wie ihre industrielle Rafinesse, ebenso - wie bereits erwähnt - ihre soziale Dimension: Arbeit und Freizeit. Nur eine einzige Einstellung bringt uns das Tal als unberührte Sumpflandschaft vor Augen, aus der plötzlich Zugvögel in Scharen auffliegen. Nostalgie? Eher ein kontrollierter Seitenblick auf das, was war, ohne die Behauptung seiner Wiederherstellbarkeit. Natur ist natürlich eine Fiktion.

Die politische Virulenz von "El Valley Centro" wird potenziert durch den langen Abspann: für jede Einstellung gibt Benning im nachhinein lakonisch an, was zu sehen war - und wem der Boden gehört. Ein Stelldichein der großen Ölkonzerne. Aber selbst diese lange Liste ist mehr als nur ein nachträglicher politischer Kommentar, sondern reflektiert in einem letzten Kniff die Potenz der Wahrnehmung und ihre zeitliche Strukturiertheit: auf den schwarzen Hintergrund der Buchstaben projiziert der Zuschauer unwillkürlich die Erinnerung an den Film und sieht ihn im Kopf nochmal. Benning fragt nicht großtuerisch: Was ist die Wahrnehmung. Sondern er sagt: Nimm wahr.

Und man nimmt wahr: daß es keine unschuldige Form gibt, daß die vermeintliche Landschaft und ihre Wahrnehmung nicht nur inhaltlich politisch getränkt sind, sondern kategorial politisch konstituiert. Wahrnehmung selbst ist wesentlich politisch. Sie erfaßt nicht abstrakte Gegenstände, sondern konkrete Bestandteile der eigenen Welt. Wahrnehmung ist von vorneherein eingebettet in unser Welt-Verhältnis. Sich in einem Raum aufhalten ist politisch. Sich zu einer Landschaft verhalten ist politisch. Und Spaß macht es natürlich auch.

Jakob Hesler



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