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Eyes Wide Shut Stanley Kubrick, USA/UK 1999 Zu diesem Film - dem Vermächtnis des jüngst verstorbenen Regieberserkers Stanley Kubrick - hatte der Verleih keine vorgängigen Pressevorführungen angesetzt. Das hat die Journaillemeute dazu verleitet, ihre Spekulationen zu nähren aus ungedeckten Internetgerüchten: Von Pornographie war die Rede. Oder aus strategisch lancierten Andeutungen des Produktionsstabs: Das Echtweltehepaar Nicole Kidman und Tom Cruise mußte monatelang alle anderen Verpflichtungen absagen, mußte Nachhilfestunden bei trainierten Erotikdarstellern und etliche Nervenzusammenbrüche überstehen, um das Filmweltehepaar eines neureichen Arztes nebst Gattin angemessen zu personifizieren. Angelehnt ist der Film an Arthur Schnitzlers 'Traumnovelle', was die ambitioniertere Kritik zu schwer vermittelbaren Literatur-Film-Vergleichen hingerissen hat. Wie auch immer: seit einer Woche läuft 'Eyes Wide Shut' jetzt in den Kinos und wir dürfen uns endlich auf unsere eigenen, weit offenen Augen berufen. Als erstes: Der Film ist selbstredend nicht pornographisch, er ist aber auch nicht erotisch. Er präsentiert eine einzige Orgienszene, die in ihrer ganzen Pracht und Einfältigkeit mühelos der Altherrenphantasie Fellinis hätte entspringen können. Zur vermeintlichen Fehlbesetzung Kidman/Cruise: Nicole Kidman agiert gut. Daß sie nach einem Joint in unglaubwürdig pubertäre Lachanfälle auszubrechen hat, daß sie eine bescheuerte Seminaristenbrille tragen muß, ist Regiefehler, nicht ihrer. Tom Cruise hingegen ist gearscht. Er stolpert von Anfang bis Ende durch einen Film, dessen Aussage er nicht ansatzweise verstanden hat. Keine Ahnung, was Kubrick ihm erzählt haben mag, ob die beiden überhaupt miteinander redeten. Aber in einigen erstaunlich intensiven Momenten kommt die Deplatziertheit des Hauptdarstellers Cruise zur Deckung mit der Deplatziertheit seiner Figur innerhalb des New Yorker Geldadels. In diesen wenigen Momenten springt die Peinlichkeit der Leinwandsituationen direkt in den Kinosessel, dem Publikum in den Schoß. Das funktioniert. Das Thema des Films heißt Eifersucht. Oder genauer: Eifersucht auf Imaginiertes. Dieser erzählerische Schachzug reinigt die Handlungsmotive der Figuren von schnöder Nebenbuhlerschaft und spitzt sie perfide zu. Der Arzt muß zum Schluß schmerzlich einsehen, daß seine treue Gattin nichts weiter getan hat, als schlicht, aber entgegen der unausgesprochenen Übereinkunft zu formulieren, was alle Paare sich ehrlicherweise eingestehen müßten: Selbst in der glücklichsten aller Beziehung kommt die Sehnsucht nach einer Leidenschaft nicht zu erliegen. Lust und Liebe schließen einander nicht aus, aber sind zwei Paar Stiefel. Und - die Kidman spricht es in einer zentralen Szene aus - eine Affäre vermag den tiefsten Beweis einer Liebe zu erbringen. "In meinen Vorstellungen war ich dir in den Armen des anderen so nahe, wie noch nie" eröffnet sie ihrem Ehemann ihre Phantasien. Die überfordern den Guten dann allerdings gründlich und er reagiert, wie Männer laut Klischee reagieren: er stürzt sich beleidigt in die Umarmung verliebter Patientinnen, Prostituierter und begehrt Einlaß in die obskuren Kreise sexsüchtiger Freimaurer. Daß er dennoch nirgendwo wirklich untreu werden kann, davor bewahren ihn die Segnungen moderner Kommunikation: immer, wenn er zu tief in ein Sofa oder ein schmachtendes Augenpaar zu sinken droht, klingelt sein Handy. Ein Arzt im Bereitschaftsdienst. Hier knüpft ein erster Vorwurf an. Kubrick ist es nicht gelungen, die psychologischen Szenen - und sie allein machen den Film sehenswert - konsequent auszuspielen. Immer dann, wenn die spannende Frage wäre, wie denn nun entweder Sie oder Er auf die Zumutungen des Ehepartners reagiert, wie denn nun beide mit den Verlockungen der Außenwelt fertig werden, immer dann schellt es an der Tür, jemand unbeteiligtes betritt den Raum, die Arztpflicht ruft oder Kubrick blendet unter aufbrandendem Soundtrack die Einstellung einfach ab. Das war schon der zweite Vorwurf: 'Eyes Wide Shut' ist an vielen Stellen und über Minuten zugekleistert mit einem humorlosen Besserwissergeheule, gegen das Spaghettiwesterngeklampfe sich geradezu feinsinnig ausnimmt. Eine fürchterliche Musik. Der dritte und offensichtlichste Vorwurf: 'Eyes Wide Shut' ist mit satt drei Stunden viel zu lang. Der Film hätte viel gewonnen und nichts verloren, wenn die ganze Freimaurerorgienepisode fehlen würde. Sie führt dazu, daß Herr Cruise, der eigentlich nur an der Seite von Frau Kidman erträglich aufspielt, viel zu viel Präsenz bekommt und durch immer weitere redundante Storyschleifen geschleppt wird. Kubrick inszeniert hier uninteressante Verschwörungstheorien, ganz im Stile David Lynchs, ohne dabei dessen klaustrophobisches Niveau zu erreichen. Das schlaucht auf Dauer. Auch um die Hälfte kürzer hätte der Film hinlänglich Kubricks große Handwerkerkunst unter Beweis gestellt. Die Kameraführung hält eine sehr irritierende Balance zwischen einem Reality-TV-Dokumentarismus und der Gekünsteltheit choreographierten Herumgetänzels. Die Ausleuchtung ist von betörender Farbüberzeichnung und wirkt dennoch nie eitel. Das Thema selbst ist zwar uralt, aber dem Regisseur gelingt es, dessen schauerliche Aktualität auch in Zeiten moderner Lebensabschnittsgemeinschaften zumindest anzudeuten. Und: Kubrick ist bösartig, daß es eine Freude ist. Die drei Tage der Handlung hat er mitten in der Weihnachtszeit angesiedelt. Intime und öffentliche Heuchelei beleuchten sich samtig im Schummer adventlicher Kitschseligkeit. Sogar in der WG, in der zwei Mädchen ihr Soziologiestudium durch Gelegenheitsprostitution finanzieren, muß der Freier Cruise erst den Christbaumschmuck loben, bevor er nach dem Preis fragt. "Eyes Wide Shut" ist in seiner Anlage interessant, im Gedächtnis bleiben wird uns Kubrick allerdings als Regisseur der Meisterwerke "Wege des Ruhms", "2001- Odysee im Weltraum" und "Clockwork Orange". Urs Richter
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