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Das Fest Thomas Vinterberg, Dänemark 1998 1. Es darf nur am Originalschauplatz gedreht werden. Kulissen und Requisiten sind verboten. Wenn eine besondere Requisite für die Geschichte notwendig ist, muß ein Drehort gefunden werden, an dem die Requisite vorhanden ist. 2. Der Ton darf niemals unabhängig von den Bildern produziert werden oder umgekehrt. Musik darf nur dann verwendet werden, wenn sie dort live gespielt wird, wo die jeweilige Szene gedreht wird. 3. Es wird ausschließlich mit der Handkamera gedreht. Jede Bewegung oder Bewegungslosigkeit, die mit der Hand erreicht werden kann, ist erlaubt. 4. Der Film muß in Farbe gedreht werden. Spezielle Beleuchtung wird nicht akzeptiert. Wenn zuwenig natürliches Licht zur Verfügung steht, muß die Szene rausgeschnitten werden oder eine einzelne Lampe an der Kamera angebracht werden. 5. Optische Spielereien und Filter sind verboten. 6. Der Film darf keine oberflächliche Action beinhalten. Morde, Waffen etc dürfen nicht vorkommen. 7. Zeitliche und geographische Verfremdungen sind verboten, der Film muß hier und jetzt spielen. 8. Genrefilme sind nicht akzeptiert. 9. Das Filmformat muß Academy 35mm sein. 10. Der Regisseur darf weder in den Anfangstiteln noch im Abspann genannt werden. Was ist das denn für ein kruder Unfug, fragt Ihr Euch im Moment; hoffentlich. Nun, das war der Wortlaut des notorischen "Dogma 95", jenes filmischen Keuschheitsgelübdes, das eine Gruppe dänischer Regisseure Anno Domini 1995 abgelegt hat, Lars von Trier dabei der berühmteste. Und ja - Ihr habt recht, dieses Dogma ist kruder Unfug, ein alkoholgeschwängerter PR-Gag, von seinen geistigen Vätern viel augenzwinkernder genommen, als von der versammelten Sekundärdeutung, sprich: der Kritik. Um nichts mindert dieses Mißverständnis allerdings den Ernst der ästhetischen Haltung, die in des Dogmas Wortlaut nur ihre verunglückte Formulierung erfährt. Diese Haltung ist nicht den Buchstaben zu entnehmen - denn welche Schlußfolgerungen sollte das Verbot "oberflächlicher Action", "zeitlicher Verfremdungen", "optischer Spielereien", bestimmter Filmformate oder gar Regisseurserwähnungen schon erzwingen - sie findet Ausdruck vielmehr in der Binneninterpretation jener Filme, die unter der Ägide des Dogmas entstanden sind. Um sie ranken sich prompt Beschwörungsformeln von "Antiillusionismus", "Wahrheit und Wahrhaftigkeit", "psychologische Authentizität", etc. "Das Fest" von Thomas Vinterberg ist der erste dieser Filme, die nun großangelegt starten, später wird "Die Idioten" von Lars von Trier folgen. Ihnen voraus eilt die Rede einer Kinorevolution, das Establishment reagiert geschockt, aber souverän, die Festivals vergeben Sonderpreise, dänischer Poverismus for beautiful people. Was aber halten die Schmutzigen, Häßlichen und Gemeinen von dem Phänomen, was also denkt sich die filmtext.com Redaktion? Grundsätzlich und mit geradezu naturgesetzlicher Verläßlichkeit gilt, wann immer ein Kino Echtheit verspricht, allerhöchste Alarmbereitschaft. Angesichts der epochalen Betroffenheitsauswürfe eines Steven Spielberg nicht mehr und nicht weniger als angesichts der eher sympathisch-größenwahnsinnigen Dänen. Thomas Vinterberg bedient sich in "Das Fest" eines Themas, das zum Diskurs der Neunziger so unabdingbar gehört wie der Internetchat: Sexueller Mißbrauch innerhalb der Familie. Wo sich Jimmy Dean in den 50ern noch darüber ausheulen mußte, daß Daddy ihn viel zu wenig lieb hat, so lautet heute das Problem bei "Vera am Mittag", über "Biolek" bis weit ins kommerzielle Kino hinein: Papa hat mich viel zu viel lieb. Und ähnlich wie Jimmy damals die Lebensgefühle einer kompletten Generation in einer Figur vereinte und also wohlintegrierter Außenseiter war, so fügt sich auch Vinterbergs Beitrag einer bereits wohletablierten Diskussion und Darstellung ein. In Anbetracht dieser Tatsache fällt der eklatante Mangel an Sensibilität und Reflektiertheit seiner Story dann doppelt ins Gewicht. Ein Hoteliers-Clan findet sich zum 60en Geburtstag des Patriarchen auf dem Stammgut der Familie ein. Hauptakteure sind der Patriarch selbst nebst Gattin und die Geschwister Christian, Michael und Helene, deren Schwester einige Monate vorher zu Tode gekommen ist, durch Selbstmord, wie sich herausstellt. Am Rande agieren der Chefkoch - ein Jugendfreund Christians - und diverse weibliche Hausangestellte, ehemalige Liebschaften der beiden Brüder. Nachdem der Film das psychologische Netz zwischen diesen Figuren in derben Strichen skizziert hat: Michael ist zum Portier arrogant, Christian höflich, Michael trinkt zuviel Alkohol, Christian zu wenig, Michael schikaniert Frau und Kinder, Christian katalysiert die Gemüter , Helene mag Christian, Michael mag sie nicht, den Vater fürchten alle, nachdem die ersten Gänge durch Gästezimmer und Menüfolge absolviert wurden, verliest Christian eine unfaßbare Tischrede: Der Vater habe die verstorbene Tochter Linda und ihn selbst über Jahre hinweg sexuell mißbraucht, die Mutter von allem gewußt und weggeblickt. Momente betretenen Schweigens, bevor die Feierlichkeit zum Protokoll zurückkehrt. Vereinzeltes Getuschel unter den Gästen und der Dienerschaft, Disput zwischen den Geschwistern. Christian nimmt eine Auszeit, kehrt an die Tafel zurück, verschärft die Vorwürfe zur Mordanklage und wird des Tisches verwiesen. Dieser Vorgang wiederholt sich noch einige Male, am Ende wird der Vater alles zugegeben haben und Christian an der Stirnseite der Tafel den Platz des Patriarchen in Anspruch nehmen. Garniert ist dieses Großbürgerschauerstück mit gutgemeinter Kleine-Leute-Romantik: Die proletarische Küchencrew und Dienerschaft hält fest zu Christian und verhilft diesem Tag der Genugtuung tatkräftig zu seinem bitteren Erfolg, in dem sie renitente Gäste im Weinkeller einschließt und Autoschlüssel aus den Zimmern klaubt, um die geschockte Gesellschaft am diskreten Rückzug zu hindern. Zuletzt ist es ein Zimmermädchen, das den Helden auf intime Art an Leib und Seele stärkt. Ähnlich gutgemeint und doch nur peinlich berührt der Auftritt von Helenes Freund. Der ist - und da kippt ein diffuses Multikultipathos in affirmativen Rassismus - ein eleganter, selbstbeherrschter Schwarzer, vom versammelten Bankett prompt mit der dänischen Version von "Zehn kleine Negerlein" willkommen geheißen. Zu der dramaturgischen Dünnbrettbohrerei des Hauptkonflikts gesellen sich also einige klischeetriefende Nebengeplänkel und können doch nicht darüber hinweghelfen, daß "Das Fest" die interessantesten Fragen an sein Thema schlichtweg ausblendet: wir erfahren nichts über die Motive, Folgen und die Tabuisierung sexuellen Mißbrauchs. Die Charaktere werden platziert und schachspielartig durch die Handlung geschoben, ihre Beweggründe nur behauptet, nicht ersichtlich. Christian hätte seinem Vater alles mögliche, Ehebruch etwa oder Mafiabeziehungen vorwerfen können, der Film wäre nicht grundsätzlich anders verlaufen. Das Thema sexueller Mißbrauch wird zweckverwendet als Aufhänger des Generationenkampfes: Wer versaut wem die Biographie gründlicher, die Väter den Söhnen, oder umgekehrt? Um deutlich zu sein: die Story hat das Niveau privatanstaltlicher Eigenproduktion vom Schlage: "Nathalie - Endstation Babystrich ". Bleibt die Art der Inszenierung zu betrachten, die ja unter der Fahne des Dogma 95 Garant sein soll für Unmittelbarkeit und Nähe des Geschehens. Natürlich unterläuft Vinterberg den Wortlaut des Gelübdes, natürlich muß er Requisiten heranschaffen, seine Schauspieler ausstaffieren, oberflächliche Action bemühen, etc., aber das ist völlig egal und kann kein Vorwurf gegenüber dem Film sein. Sehr wohl hingegen, daß ihm jede Reflektion darüber abgeht, wie der - doch offensichtlich ideologisch motivierten - selbstauferlegten Minimierung der technischen Möglichkeiten auch inszenatorisch entsprochen werden könnte. Ein antiillusionistisches Kino sollte am Ende rausspringen, ein Kino, das die Prioritäten vom technisch Machbaren weg hin zum psychologisch Glaubwürdigen verschoben hat - und da bietet "Das Fest" nicht mehr als eine verklemmte Kinoversion sogenannter Reality-TV-Dokumente. Die Einstellungen wetteifern im Kampf um den verzerrtesten Winkel, hektisch wird verschwenkt, was immer nur zu verschwenken ist. In bester Brian de Palma-Manier hetzt die Handkamera die Protagonisten vor sich her, keine Unter- oder Aufsicht ist zu verwegen, um nicht noch ihr Plätzchen zu ergattern und jedes schlichte Treppauf-, Treppabgehen mutiert zu einem dramatischen Stakkato vorbeidonnernder Geländerstäbe. Nicht mal ein Taxi kann vorfahren, ohne daß der Kamera der Straßenschotter um die Ohren spratzt. Das ist so überflüssig, launisch, unbedacht wie es an den Nerven zerrt und begräbt die angestrebte Authentizität unterm Wust angestrengter Effekte. Wo das Zurückschrauben immer perfekterer Illusionsmethoden dem Publikum Einsicht bieten könnte in die Inszeniertheit jeden Kinos, da frönt Vinterberg einem Vorabendrealismus, als habe er eine Folge "Derrick auf XTC" zu inszenieren. Wo Transparenz gegenüber der Gemachtheit jeden Kinos Raum geben könnte für Erfahrungen, die tatsächlich kinoübersteigend erlebbar und in diesem Sinne authentisch sind, da läßt "Das Fest" entgegen allen Beteuerungen jedes vergleichbare ästhetische Anliegen vermissen. Herrn Vinterberg würde ich gerne raten, sich einmal "De l'Est" oder "Jeanne Dielmann" von Chantal Ackerman zu Gemüte zu führen - da könnte er lernen, was reflektierter filmischer Minimalismus bedeuten kann. Euch möchte ich schweren Herzens zum Besuch von "Das Fest" raten, der Film ist sicher nur die Vorhut einer Verlogenheit, die demnächst in den Kinos ansteht und den Feind muß man schließlich kennen. Urs Richter
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