Ghost Dog
Jim Jarmusch USA 1999

Welche Askese übt Jim Jarmusch? Nach seiner Anti-Western-Elegie 'Dead Man' verweigert er sich erneut gängiger Dramaturgie. 'Ghost Dog' folgt Genremustern - ohne ersichtlichen Grund; erzählt eine Geschichte - ohne ihr zu vertrauen. Eine Lektion in sieben Sätzen (alle aus 'Hagakure', Ghost Dogs Samuraifibel).

1. "Wir sind wie zwei alte Volksstämme, beide so gut wie ausgestorben. Und um uns herum scheint sich alles zu verändern."
Ghost Dog ist ein schwarzer Ghettobube, der eines Tages ordentlich auf die Mütze bekommen hat, von einem Mafiosi gerettet wurde und Jahre danach als Auftragskiller aus der Versenkung auftaucht. Bewaffnet mit dicker Wumme und altjapanischer Samurai-Ethik. Seine Arbeitgeberin ist die italoamerikanische Mafia: bandscheibengeschädigte Opis, die beim Treppensteigen aus der Puste kommen und sich vom Vermieter ihres Hinterzimmers zusammenscheißen lassen müssen. Antike asiatische Ritterlichkeit also im Dienste längst glanzloser Kapitalismuspiraterie. Im Gangsta-Hip-Hop, der durch die Straßen des Viertels wummert, kommen beide nur noch als Sample vor. Ein Pfeifen aus alten Zeiten.

2. "Es ist nicht gut, wenn aus einem Ding zwei werden."
Ein Mißverständnis treibt die störanfällige Symbiose der eigenbrötlerischen Existenzformen auseinander und in wechselseitige Vernichtung. Dieses Duell inszeniert Jarmusch, als wolle er die Überkommenheit des Gangstergenres behaupten, um diese Behauptung im gleichen Augenblicke zu revidieren. Forest Whitaker als Ghost Dog haust unter hygienepolitisch bedenklichen Bedingungen im Taubenschlag. Seine tölpischen Kampfsportversuche sind allein durch Doppelbelichtung noch leinwandtauglich geraten und der leicht debile Blick unter Karl-Dall-Schlupflidern hervor signalisiert den guten Kern in rauher Montur. Zum traurigen Clown läßt Jarmusch ihn nicht verkommen.

3. "Dinge von größter Bedeutung soll man leicht nehmen."
Die Vorgaben, nach denen unser Ritter handelt, sind ähnlich autistisch und wie jene Delons im "Eiskalten Engel" oder jene de Niros in "Taxi Driver". Wo Delons Berufsethos aber als Ausformulierung einer existentialen Grundnot und de Niros Psychosen aus dem Weltekel an einer dekadenten Gesellschaft zu deuten waren, da exekutiert und stirbt Jarmuschs Figur so bedeutungsarm und moralfrei, als habe Monsieur Tatis mechanistisches Weltbild Modell gestanden. Eine Automatik, die sich, einmal in Gang gekommen, selbst zerlegt.

4. "Das ganze Leben ist eine einzige Abfolge von Augenblicken."
Hier zieht Jarmusch die Trümpfe. Er kann ganz schön lustig sein: wenn ein tütenbepacktes asiatisches Rumpelstilzchen den Hip-Hop-Bösewicht mit rasantem Fußwirbel ausknockt, ein angegrauter Mafiavorarbeiter im Rasierspiegel zu Public Enemy rappt oder die Ghetto-Ethnien sich über ihre jeweilige Spitznamenpraxis amüsieren. Ein Ringelreigen der Vorurteile, mit sichtlichem Vergnügen choreographiert und zwinkernde Ironie auf das soziale Distinktionsgehabe so mancher Underdogromantik. Oft aber will Jarmusch ganz unironisch poetisieren und wir gucken in große Kinderkulleraugen, auf gekreuzigte Tauben oder die Spruchweisheiten irgendeiner Samuraifibel.

5. "Wissen zu Wissen."
Was diese Sprüche uns und der Hauptfigur zu sagen haben, ist ziemlich egal - daß sie überhaupt etwas sagen, entscheidend. Im babylonischen Stimmengewirr des Quartiers "Nachmoderne" ist Mißtrauen an der Haltbarkeit öffentlicher Kommunikation angeraten. Die Codes der andern kann niemand mehr entschlüsseln, lediglich eine kleine Gruppe Eingeweihter verständigt sich, vornehmlich durch Bücherringtausch. Einem kontemplativen Seelchen wie Ghost Dog spricht selbstverständlich die ganze Welt zu. Sei es der Hundeblick im Park, der Flug der geliebten Brieftauben, der diskrete Charme billiger Aktenköfferchen, alles wird semantischer Gehalt. Behauptet der Film.

6. "Dinge von untergeordneter Bedeutung soll man ernst nehmen."
Und Jarmusch nimmt ernst: Die unvergleichliche Eleganz, mit der Ghost Dog CD-Player in geknackten Wagen bedient. Die hingebungsvolle Lethargie, mit der diverse Figuren vor Zeichentrickserien im TV tagträumen. Die Geheimniskrämerei, mit der die Existenz einer "IG Auftragskillen" angedeutet wird. Irgendwann erwirbt man die Gewißheit, definitiv nicht zu den Eingeweihten zu gehören und muß entscheiden: geht mir dieser prätentiöse Stil auf die Nerven, oder doch nicht?

7. "Leere ist Form."
Ein Filmphantom: man glaubt, etwas gesehen zu haben - und weiß nicht was.

Urs Richter



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