Harry außer sich - Deconstructing Harry
Woody Allen, USA 1997

"Deconstructing Harry" ist der Originaltitel dieses Filmes und die folgende Besprechung ist ein Schnellschuß, notgedrungen, denn unserem hohen Ethos als Kritiker folgend ließen wir nichts unversucht, Euch auch auf diesen Film vorzubereiten, obwohl wir die Pressevorführung leider verpaßt hatten. Für mich bedeutete das, daß ich gestern abend noch ins Abaton mußte, um die dort stattfindende Preview zu sehen, was auch hieß, daß ich ein nettes Abendessen in angenehmer Gesellschaft überstürzt verlassen mußte.

Danach mitten in der Nacht sind diese lose hingeworfenen Zeilen entstanden, ihr könnt mir jetzt also quasi beim Denken zuhören, was allerdings durchaus zu dem zu besprechenden Film paßt, denn auch Woody Allen läßt uns darin scheinbar direkt an seiner Arbeit teilhaben. Zwar spielt er keinen Filmemacher, sondern einen Schriftsteller, der unter einer Schreibblockade leidet, welche er abschließend überwindet, indem er darüber schreibt, aber genau das könnte es sein, was Allen auch mit diesem Film getan hat und so drängt sich der Verdacht auf, daß nicht nur die Hauptfigur Harry Block von Allen dekonstruiert wird, sondern der Schaffer des Filmes "Deconstructing Harry" selbst. Deshalb wird in anderen Kritiken wohl so häufig davon gesprochen, daß dies Allens persönlichster Film sei.

Und es ist wahr, wir treffen auf eine geballte Ladung aller bekannten Elemente des Allenschen Mikrokosmos, als da wären endloses Palavern über Selbstzweifel, Schuldgefühle, Judentum, Traditionen, Atheismus, die eigenen Wurzeln, Psychotherapie, die Unmöglichkeit der Liebe zwischen Mann und Frau, Sex etc., begleitet von einer absoluten Starparade und immer mit Allen selbst im Zentrum des Geschehens.

Alle eingefleischten Allen-Hasser dürften berechtigterweise jetzt bereits abgeschreckt sein, während seine bedingungslosen Fans sich nicht zu früh freuen sollten.

Ich stehe irgendwo zwischen diesen extremen Polen, meine persönlichen Woody-Allen-Lieblingsfilme sind "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko", "Zelig" und "Schatten und Nebel" (damit stehe ich so ziemlich allein da, glaube ich), aber es gibt auch Filme mit denen ich kaum etwas anfangen kann, wie z.B. "Husbands and Wifes", wobei ich wegen einer gewissen Allen-Müdigkeit auch seine letzten drei Filme gar nicht mehr gesehen habe. Ich glaube, ich mag besonders die alberne Seite an ihm, aber das jetzt nur so am Rande.

Harry Block ist ein einsamer Schriftsteller, seine Einbildungskraft scheint ihn verlassen zu haben, doch eigentlich schöpfte er auch vorher schon nicht aus seiner Phantasie, sondern schlachtete die Leben der ihn umgebenden Menschen für seine Geschichten aus, außerdem betrog er sie alle, deshalb ist er jetzt von Feinden umzingelt. Über seine Einsamkeit und seine Schreibblockade redet er ständig mit wechselnden Partner, unterbrochen werden diese Gespräche durch Erinnerungen und Träume Blocks und Ausschnitten aus seinen Geschichten, jeder Charakter tritt mindestens doppelt als Teil von Blocks Realität und als Romanfigur auf, wobei der Film hin- und herspringt, ohne daß die unterschiedlichen Ebenen formal voneinander abgehoben wären, so daß tatsächlich in dem Film "Deconstructing Harry" Wirklichkeit und Fiktion untrennbar miteinander verbunden sind. Zusammengehalten wird das komplexe Geflecht nur von der Figur Blocks selbst, der aber auch gleich über mehrere literarische bzw. filmische Doubles verfügt.

Ich glaube, anzunehmen, dies wäre ein persönlicher Film, hieße Allen allzuleicht in die absichtlich gestellte Falle zu tappen. Was hier dekonstruiert wird, ist nicht die Person Allen, sondern sein filmisches Werk und dessen Rezeption. Dies wird insbesondere in den offensichtlichsten Seitenhieben auf alle Allen-Interpreten deutlich, wenn beispielsweise eine Literaturstudentin Block erklärt, im Grunde seien seine Werke gar nicht verzweifelt, sondern optimistisch, was er selbst nur nicht wüßte und deshalb würde sie ihn auch so gern dekonstruieren. Auch das scheinbar klarerweise selbstbezügliche Ende des Filmes unterstreicht diese Sichtweise, bildet es doch eine allzu offenbare Einladung zur einfachsten aller möglichen Interpretationen.
Allen treibt sein Spiel gerade mit den Allen-Fans, denen mit "Deconstructing Harry" eine Art konzentrierter Aufguß aller spezifischen und so beliebten Allen-Themen geboten wird. Aber geprägt ist diese Abrechnung, denn als solche würde ich den Film verstehen, eben doch von einem tief verzweifelten und pessimistischen Grundtenor und deshalb auch meine vorherige Warnung an alle Allen-Enthusiasten.

"Deconstructing Harry" macht durchaus Spaß, wenn Allen zu alter komödiantischer Form aufläuft, aber der Film hinterläßt doch einen bitteren Beigeschmack, denn jede verspielte Albernheit ist aus ihm gewichen. Und auch das Gefühl von Mitleid, daß sich beim Zuschauer mit dem im Laufe des Filmes immer weiter aus den Fugen geratenden Harry Block einstellt, bleibt aufgrund der nicht vorhandenen Geschichte eigenartig distanziert. So macht Allen mit "Deconstructing Harry" nur scheinbar ein leichtes Angebot, wo er sich in Wirklichkeit perfide verweigert.

Björn Vosgerau



startseite drucken newsletter bestellen