 | | Halbe Treppe, Deutschland 2002. R: Andreas Dresen, K: Michael Hammon, P: Peter Rommel, S: Jörg Hausschild, M: 17 Hippies, D: Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmiede, Thorsten Merten, Axel Prahl Delphi, 3. Oktober 2002. | | |
Ellen Kukowski will duschen ..., aber die Wanne ist voll mit rohen Schweinshaxen. Die Parfümverkäuferin muss fast kotzen. Ihr Mann Uwe betreibt den Schnellimbiss "Halbe Treppe" und lässt sich wegen der Haxen keine Vorhaltungen machen: Ellen hat nämlich die Balkontür offengelassen und Wellensittich Hanspeter die Chance zur Flucht genutzt. Am selben Tag noch wird Ellen ihren Mann mit Radiomoderator Chris betrügen. Die Enge einer Frankfurt/Oderschen Plattenbausiedlung und die Flucht aus ihr kann wohl kaum treffender auf den Punkt gebracht werden. Diese Enge wird von Andreas Dresen in seinem neuen Film "Halbe Treppe" allerdings vor allem als Nähe der Kamera zu ihren Figuren in Szene gesetzt, und das ist auf Dauer schwer auszuhalten. Es gibt so gut wie kein Entkommen, nicht vor Tränensäcken, Mitessern und schlechten Zähnen, nicht vor den scheußlichen Interieurs, und schon gar nicht vor den Seelenzuständen, die sich in all dem spiegeln. Hanspeter ist zu beneiden. Ellen begreift die Affäre mit Chris als vielleicht letzte Chance zum Ausbruch. Chris dagegen hat in solchen Dingen schon eine gewisse Routine, und er wird zu seiner zweiten Ehefrau Katrin zurückkehren. Wie es auf der halben Treppe des Lebens aussieht ist hier Thema, und die Angst davor, die letzten Stufen unsanft hinunterzufallen. Vor Uwes Imbiss steht eines morgens ein Dudelsackspieler, zu dem sich im Laufe des Films andere Musiker hinzugesellen. Es scheint dies die Musik zu sein, die der tumbe, lebenspraktische Uwe lange nicht mehr oder sogar noch nie in sich vernommen hat. Die er aber nun zu hören gezwungen wird, als seine Frau ihn endgültig verlässt. Zum Schluss lädt er die Musiker (die Band '17 Hippies') ein, für Freibier in seinem Imbiss zu spielen. Mit Porträtaufnahmen von "echten" Imbissbesuchern, grauen, früh gealterten Gesichtern, endet die melancholische Bestandsaufnahme ostdeutscher Befindlichkeit. Und lässt ein schales Gefühl zurück: Zu harmlos folkloristisch klingt die Musik der "17 Hippies", die zu Uwes Verwunderung sogar einmal aus der Toilette erschallt. Sie verbreitet eine traurige Gemütlichkeit, ein Alles-ist-nur-halb-so-schlimm-wenn-wir-ein-bisschen-enger-zusammenrücken, das doch in aller Regel im Alkoholismus endet. Zu unehrlich ist es für einen Film mit solchem Willen zur Ehrlichkeit, wenn Chris als Moderator eines 24 Stunden Happy-Sound-Senders seine Frau über den Äther mit gebrochener Stimme um Verzeihung bitten darf. Zu bemüht wirkt das Ringen um die Authentizität der Figuren, wenn sie zwischendurch plötzlich zum Interview vor der Kamera sitzen und irgendwer - der Regisseur? - ihnen Fragen über ihr Leben und ihre Träume stellt. Und zu undiszipliniert ist die Handkamera, die es sich neben einigen anderen witzig gemeinten Ausfällen nicht nehmen lässt, dem zurückgekehrten Hanspeter ausführlich auf seinem Flug durchs Wohnzimmer zu folgen, dass einem nur schwindlig wird. Ein paar starke Momente hat dieser ohne festes Drehbuch entstandene Film, und sie lassen einen die Möglichkeiten eines improvisierten Kinos erahnen. Dresen versucht aber, mittels gutgemeintem Klamauk sein Publikum mit einer Realität zu versöhnen, mit der man sich gar nicht versöhnen kann, noch will. Er baut mit seinen Bildern und der Musik ganz und gar auf Stimmungen, nur ganz selten wird hier eine Frage aufgeworfen, wird überhaupt etwas - filmisch - infrage gestellt. "Halbe Treppe" kommt wie ein guter Kumpel daher und hält wie alle Kumpeltypen nur oberflächliche Phrasen zum Trost bereit. Dirk Schneider
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