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Idioten - Idioterne Lars von Trier, Dänemark / Frankreich / Italien / Niederlande 1999 "Idioten" ist nach "Das Fest" der zweite Film, der gemäß dem cineastischen Reinheitsgebot aus Dänemark namens Dogma 95 produziert wurde. Soviel vorweg: Der verstörende Film von Lars von Trier ist Thomas Winterbergs beifallheischender Party himmelweit überlegen. Winterberg wird endgültig als Epigone entlarvt, der ohne Bedacht dem Dogma gefolgt ist, um eine beliebige Story zu einem naturalistisch gefärbten Videoclip aufzupeppen. Nur zwei Einstellungen benötigt dagegen Lars von Trier, um uns zu zeigen, wie er es mit Dogmen hält: Bereits in der Anfangssequenz von "Idioten" hören wir Musik aus dem Off. Der Regisseur beeilt sich zwar im Presseheft zu versichern, dies sei gar kein Verstoß gegen das geleistete filmische Keuschheitsgelübde, weil die Musik direkt auf dem Set eingespielt wurde und somit Ton und Bild genau wie verlangt zusammen aufgenommen wurden. Es drängt sich trotzdem der Eindruck auf, daß der Mann, der schon dogmatische Filme drehte, als es noch gar kein Dogma gab, listig mit dem Verstoß gegen die selbstgesetzten Regeln spielt, um so mehr, als von Trier das Thema des Bruches von Konventionen nicht nur formal, sondern auch inhaltlich behandelt. Der Film erzählt von einer Gruppe junger Menschen, die sich als geistesgestört ausgeben, um den verlogenen Umgang der Gesellschaft mit gehandicapten Menschen zu entlarven. Das Projekt, das nach Außen als Bürgerverarschung fungiert, soll nach Innen therapeutisch wirken, gaga spielen, der Abschied von jeglichem sogenannten vernünftigen oder normalen Verhalten soll helfen, den eigenen inneren Idioten zu finden und somit dem eigenen Sein näher zu kommen. Solch hehre Ziele zumindest formuliert Stoffer, charismatischer Vordenker der Gruppe, wenn er mit Zigarre im Mund Karen die Ziele der Kommune erklärt. Karen ist die traurige Außenseiterin, die zufällig zu der Gruppe stößt und mit anfänglicher, verständnisloser Entrüstung das Treiben beobachtet. Am Ende wird sie die einzige sein, die das Spiel ernst nimmt und Stoffers Forderung nach Konsequenz erfüllen, indem sie vor den Menschen gaga spielt, die sie liebt. Dadurch überwindet sie zwar die von Stoffer erkannte gymnasiastenhafte Eitelkeit und Unausgegorenheit des Projektes, aber sie fügt zugleich durch ihr Verhalten anderen Menschen tiefe Verletzungen zu, weil sie die Möglichkeit von Kommunikation radikal verweigert. Von Triers Thema in diesem Film ist das Scheitern einer Idee, es ist das Dilemma zwischen dem Streben nach Freiheit von äußerlichen Konventionen und der resultierenden schmerzhaften Einsamkeit, da jedes Zusammenleben auf Regeln basiert. Deshalb hat er Recht, wenn er "Idioten" seinen Film mit der größten politischen Aussage nennt. Stilistisch aber ist der Film eng an von Triers ruhmbegründende Meisterwerke "The Kingdom - Hospital der Geister" und "Breaking the Waves" angebunden. Bereits diese Filme markierten die Abkehr vom weltabgewandten, esoterisch-surrealen Kunstgeraune, das das Frühwerk des Dänen dominierte. Orientierte sich von Trier mit seinen letzten beiden Filmen jedoch an populären Genres, an Krankenhausserien einerseits und am Melodrama andererseits, die er gerade durch den ungewohnt naturalistischen Stil und die scheinbar improvisierten, in Wirklichkeit jedoch präzise komponierten Bilder zu neuem Leben erweckte, so ähnelt "Idioten" formal durch und durch einem Dokumentarfilm. Von Trier erweckt diesen Eindruck durch die bekannte Handkamera, durch die große buchstäbliche und metaphorische Nähe zu den Figuren, durch in die Handlung eingefügte rückblickende Interviews mit allen Beteiligten außer Stoffer und Karen, durch scheinbare filmische Unfälle, wie Mikros im Bild oder Spiegelungen des Kamerateams in Fenstern. Doch die vermeintliche Offenlegung der Produktionsmechanismen muß irritieren, denn es drängen sich Fragen auf: Wer interviewt hier wann und warum, wer hat vorher gedreht, wo sind die Hauptfiguren geblieben. Und von Trier zelebriert wieder einmal ein Kino der Effekte mit anderen Mitteln, einen Illusionismus mit naturalistischem Antlitz. Ihm gelingt es trotz oder wegen der beschriebenen Transparenz und Einfachheit seiner Mittel größte emotionale Betroffenheit beim Zuschauer zu erwecken, das ist das paradoxe Geheimnis seiner Kunst. Eine einfache Schärfeverlagerung kann bei ihm emotionalisierend wirken, er rückt den Darstellern mit seiner Wackelkamera so eng auf den Leib, daß kein Raum zur Distanzierung bleibt, weder für sie, noch für den Zuschauer. Das stärkste Gefühl, das nach "Idioten" bleibt, ist das Gefühl der Scham. Der Film ist voller Szenen, die einen so peinlich berühren, daß man nicht mehr hinsehen möchte, wenn z.B. Karen zu ihrer bürgerlichen Familie zurückkehrt, aus der sie floh, nachdem ihr kleiner Sohn verstorben war und beim allsonntäglichen Kaffeetrinken inmitten der verstörten und gramgebeutelten Angehörigen beginnt gaga zu spielen, indem sie ihre Torte hervorwürgt. Von Trier konfrontiert den Zuschauer unerträglich lange und direkt mit den Schmerzen der Menschen, zwischen denen es keine Verbindung mehr geben kann, weil Karen sich für ihren inneren Idioten entschieden hat. Hinter dem starken Eindruck solcher Szenen stehen selbst der vieldiskutierte spielerische und lustvolle Gruppensex zurück ("Gruppebäng" oder so ähnlich auf Dänisch), genauso wie die unendlich zarten und stillen Liebesszenen, die ebenfalls mit einer kaum erträglichen Direktheit und Subtilität inszeniert sind. "Idioten" ist vielschichtig, aufwühlend, inspirierend und kühn, man wird diesen Film nicht los, mich zumindest hat er berührt und beschäftigt wie seit langem nichts mehr im Kino. Lars von Trier erweist sich mit "Idioten" als großer Künstler und geschickter Stratege zugleich. Nicht nur hat er, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Winterberg, das Dogma 95 filmisch reflektiert und es mit Leben erfüllt, auch hat er nach seinen großen Erfolgen richtig daran getan, sich zu verschließen und einen komplizierten Film zu drehen, auch wenn "Idioten" ernster, weniger leicht, nicht so unterhaltend wie "Kingdom" oder "Breaking the Waves" ist. Deshalb ist am Ende mein Geschmacksurteil nicht so eindeutig, wie meine Handlungsanweisung: Dieser Film muß gesehen werden und zwar von Euch allen und zwar im Original mit Untertiteln! Björn Vosgerau
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