 | | In the Bedroom, USA 2001. R: Todd Field, B: Rob Festinger, T. Field, nach "Killings" von Andre Dubus, K: Antonio Calvache, M: Thomas Newman, D: Sissy Spacek, Tom Wilkinson, Nick Stahl, Marisa Tomei, William Mapother. UIP, Start Mai 2002 | | |
Mordende Mittelschicht Der junge Frank Fowler wird erschossen. Ein Eifersuchtsdelikt. Statt einer Anklage wegen Mordes wird über Totschlag verhandelt, statt einer lebenslänglichen eine höchstens fünfjährige Freiheitsstrafe erwartet und vermittels einer hohen Kaution bleibt der Delinquent bis zu Beginn der Verhandlung auf freiem Fuß. Und das kann noch ein Jahr dauern. Ruth und Matt Fowler, die Eltern des Opfers, müssen den Mörder ihres Sohnes nun täglich sehen. Kaum jemand im Bekanntenkreis, der ihre Verzweiflung nicht versteht. Dann greift Vater Matt zur Pistole, um die Tat zu sühnen. So unspektakulär wie der Schauplatz von "In the Bedroom", ein neuenglisches Fischerstädtchen in Maine, ist seine Erzählweise. Die Kamera nähert sich diskret einer gutbürgerlichen Mittelschicht: Grillfeste, Hummerfang, Herrenpokerrunde, Mädchenchor unter Leitung der Mutter. Der Vater ist praktischer Arzt, der einzige Sohn steht kurz vor dem Architekturstudium und seine nicht ganz standesgemäße Freundin Natalie ist Verkäuferin, etwas älter und zweifache Mutter. Deren Ehemann Strout kann sich mit dem Verlust nicht abfinden. Nie setzt der Film auf dramatische Effekte. Wir sehen nicht die Tat, wir hören nur die Schüsse. Wir sehen nicht, wie Matt seiner Frau die Todesnachricht ihres Sohnes überbringt. Wir sehen ihn vorher in der Tür und sie noch in Arbeit vertieft. In ihm das Unerträgliche. Im entscheidenden Moment fällt die diskrete Schwarzblende, billigem Voyeurismus wird so vorgebeugt. Minutiös kreist der Film nun um die Fowlers, analysiert die Wucht des Schlages anhand seiner Folgen, registriert die Unmöglichkeit einer gemeinsamen Trauer. Der Druck wächst und ein jäher Streit beschert dem Paar Einblicke in verfahrene Ressentiments, die in einer bürgerlichen Ehe eben nicht thematisiert werden. Matt will Ruth nicht verlieren, sie will dem Mörder ihres Sohnes nicht mehr begegnen. Der Feind ist draußen. Doch so überzeugend Richard Strout in seinen kurzen Auftritten durch William Mapother verkörpert wird, er bleibt als Psychopath eindimensional. Weil er offenbar keine Reue empfindet und - kaum auf freiem Fuß - wieder eine andere Frau bedroht, empfinden wir eine mulmige Genugtuung angesichts des Aktes der Selbstjustiz. "Ihr Sohn hat schließlich meine Frau gefickt, Dr. Fowler", verteidigt sich Strout und irgendwie kann man verstehen, wenn Matt Fowler abdrückt. "In the Bedroom" ist unbestechlich in seiner Beobachtung, allerdings bleibt er stets nah bei den Eltern des Toten und fern vom Täter. Diese empathische Nähe macht den Film auf höchstem Niveau zur Gratwanderung. Die da keine Balance finden, können nach rechts kippen, tief fallen und ein unterschwelliges Plädoyer für die Todesstrafe entdecken; oder nach links, weil sie dem Film gerade diese Tendenz unterstellen und ihn als latent reaktionär und "typisch amerikanisch" empfinden. Beiden Seiten wird die Qualität eines der differenziertesten US - Filme der letzten Jahre verborgen bleiben. Wenn Matt Fowler nach seiner Tat nach Hause kommt und nicht mehr spricht, dann sagt er damit mehr Kritisches über das Töten, als man es seit langem im Kino vernommen hat. In der besonderen Aufmerksamkeit, die dem Film durch seine Oscarnominierung zuteil wurde, wird der Widerhall einer US-amerikanischen Stimmungslage nach dem 11. September hörbar. Das ist dem Film nicht vorzuwerfen, aber ein Symptom seiner Auslegbarkeit. Andreas Thomas
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