Italienisch für AnfängerItalienisch für Anfänger (Italienisk for Begynndere), DK 2000; R u. B: Lone Scherfig; P: Ib Tardini; K: Jorgen Johannson; S: Gerd Tjur; D:Anders W. Berthelsen, Peter Gantzler, Lars Kaalund, Ann Eleonora Jorgensen, Annette Stovelbek u.a.
Verleih: Kinowelt Start: 17.01.2002

Das große Schmunzeln

Der Verzicht auf bestimmte filmische Techniken sollte ein Kino neuer Echtheit befördern. So das Credo des Dogma 95. Der Wirbel um dieses cineastische Ökosiegel hat sich inzwischen gelegt: zwar ist eine Modewelle von Wackelkamera und ruppigem Schnitt durchs junge Kino geschwappt und durch jenes, das als jung gelten möchte; zu einer einheitlichen Schule hat das Dogma aber nicht geführt. Kein Wunder, denn selbstverständlich ist technischer Verzicht selber eine Technik. Und wie jedes andere Stilmittel kann auch die von den dänischen Manifestlern selbstverordnete Entstilisierung zu höchst unterschiedlichen Zwecken eingesetzt werden. Das haben die vier zertifizierten Filme, die bislang (hierzulande) gezeigt wurden, ziemlich deutlich gemacht, in ihrer Bandbreite von der dogmatisch aufgebretzelten Betroffenheits-Soap 'Das Fest' bis zum verstörenden sozialen Experiment der 'Idioten'. Sie haben in Wahrheit wenig gemeinsam - außer einem Umstand, der mit dem Dogma nur mittelbar zu tun hat, daß sie nämlich irgendwie vom Zwischenmenschlichen handeln und von Kollektiven erzählen. Aber welcher Film tut das eigentlich nicht.

'Italienisch für Anfänger' jedenfalls tut es einmal mehr. Diesmal allerdings in der Optik einer romantischen Komödie. Die neue Dogma-Produktion der Dänin Lone Scherfig war bislang ein großer Erfolg: auf der letzten Berlinale erhielt sie den Silbernen Bären und entpuppte sich als veritabler Publikumsrenner. Sie macht offensichtlich glücklich. Alle Zuschauer strahlen, im Kinoflur lächeln sich nach der Vorstellung Unbekannte zu. Der Film erzählt weniger vom Zwischenmenschlichen: er stellt es her. Eine Handvoll Däninnen und Dänen in einer anonymen Kleinstadt sind einsam, sehnen sich nach Liebe und finden über verschiedene Alltagsprobleme hinweg zueinander. Aufhänger: die Ankunft des jungen neuen Pastors Andreas (Anders W. Berthelsen, bekannt aus 'Mifune'). Er meint es gut mit allen und ihren Sorgen, und ein verständnisvolles Lächeln ist ihm schon von Berufs wegen ins Gesicht geschrieben. Doch dabei ist er natürlich noch viel alleiner als die anderen. Nach und nach werden nun verschiedene Stränge - um einen Hotelrezeptionisten, einen Kellner, eine Friseurin - im Zeichen der Pärchenbildung zusammengeführt.

Andreas traut sich an Olympia heran. 'Sind Sie verheiratet?' - 'Nein, aber ich besuche einen Italienischkurs.' Und dort kriegen sich schließlich alle. Italienisch, die Sprache der Leidenschaft: dieses kleinbürgerliche Leitmotiv ist repräsentativ für den Tonfall, den Lone Scherfig anschlägt. Sie greift auf Klischees des Alltags zurück, nicht um sie zu entlarven, sondern weil die Versöhnung um so schmackhafter ist, wenn dabei geschmunzelt werden darf. So schafft Scherfig die Grundlage für einen manchmal charmanten, oft einfältigen Humor zwischen leiser Situationskomik und simplen Wiederholungseffekten. Und vor allem für eine Atmosphäre allseitiger Sympathie. In deren Dienst stehen hier auch die Dogma-Methoden. Sie sollen keine psychologische Wahrheit oder existentielle Intensität bewirken, sondern Stimmung.

Das vorgeschriebene altmodische Academy-35mm-Format gibt in seiner fast quadratischen Beschränktheit der kleinen Welt, die uns Scherfig zeigt, den richtigen Rahmen. So das glanzlose Grobkorn, so die notorische Handkamera. Die ganze technische Dürftigkeit paßt zu den bescheidenen Träumen und Wünschen der Protagonisten, über die wir lächeln und die uns zugleich so heimelig vertraut sind. Zu den kleinen menschlichen Schwächen, um die herum diese Charaktere aufgebaut sind und die uns zu emotionaler Identifikation verlocken sollen, um dann regelmäßig vom Schicksal ausgeglichen zu werden. Olympia ist heillos ungeschickt, scheitert in jedem Beruf und wird von der harten sozialen Wirklichkeit schließlich per Erbschaft befreit. Jörgen ist unbeholfen, leidet unter Potenzproblemen und hat gerade erst recht Erfolg bei der schönen Giulia. Und so weiter.

In 'Italienisch für Anfänger' dient menschliches Leid immer nur als Durchgangsstation zur Erlösung. Unehrlich wird das spätestens, wenn Lone Scherfig zwischendurch dramaturgisch über Leichen geht und dabei dann doch an das Echte appelliert, nämlich an den Tod. Der Vater und die Mutter zweier Figuren des Films werden als soziale Problemfälle gezeichnet, wenn nicht - unfreiwillig? - überzeichnet. Hier soll plötzlich schmunzelfreie Anteilnahme angesagt sein. Daß im Lauf des Films die einzigen Menschen, die unglücklich bleiben, folgenlos per Tod aus der Handlung gestrichen werden, ist aber eigentlich herzlose Berechnung, mit der aufs Konto der finalen Unbeschwertheit eingezahlt wird. Auch Lone Scherfig erkauft sich ihr Happy End und bewegt sich damit näher an Genremustern, als einer Dogmatikerin lieb sein dürfte. Mehr Selbstironie hätte 'Italienisch für Anfänger' zu einer fröhlichen Parodie auf den Authentizitäts-Aberglauben machen können. Herausgekommen ist ein funktionaler Film, der die neue dogmatische Bescheidenheit zu konventionellen Zwecken einsetzt. Sie erweist sich damit einmal mehr als falsche Bescheidenheit.

Jakob Hesler

A propos 'Italienisch für Anfänger':

Der Film enthält viele Klischees und schreckt auch vor manchem billigen Gag nicht zurück. So sieht es jedenfalls die sympathische Regisseurin Lone Scherfig selbst, mit der Sven Wegner auf der Berlinale für filmtext.com ein Interview geführt hat.

Zum Dogma ist ansonsten eigentlich ja schon alles gesagt worden. Auch bei filmtext.com. Wer die Diskussion noch mal rekapitulieren will, blättere einfach in den Untiefen unseres riesigen Archivs. Dort finden sich Kritiken zu Lars von Triers 'Idioten', zu Thomas Vinterbergs 'Das Fest', zu Jean-Marc Barrs 'Lovers' und zu 'Julien Donkey-Boy' von Harmony Korine, hierzulande immer noch nicht in den Verleih gekommenen und neben den 'Idioten' der interessanteste Dogma-Film bislang.

Und wer sich für die zwölf weiteren Dogma-Filme interessiert, die immer noch auf Aufführung warten, oder für die Spielregeln im Wortlaut, oder wer gleich seine eigene Produktion zertifizieren lassen möchte, der schaut einfach bei der offiziellen Dogma-Homepage vorbei.



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