In stürmischen ZeitenIn stürmischen Zeiten, USA 2000. R. und B: Sally Potter, P: Simona Benzakein, Christopher Sheppard, D: Christina Ricci, Cate Blanchett, John Turturro, Johnny Depp, Harry Dean Stanton.
Start 22.02.01

Alles zerfließt

Zu den Vorwürfen gegen das „Mainstreamkino“ gehört, es ignoriere die Doppelnatur seines Mediums. Denn einerseits bildet jeder Film immer etwas ab und behauptet dessen Realität. Andererseits aber gehört jeder Film seinerseits zu einer Realität, die der Abbildungsweisen. Film ist also immer zugleich Medium und Inhalt, Darstellung und Dargestelltes. Der Mainstream nun, so lautet der Vorwurf weiter, monopolisiere seine Darstellungsweise, blind gegenüber deren Ursprung. Das kann man Scheiße finden. Man kann aber auch an seinen Ufern - dort, wo er sich bereits in sich selbst erkennt - das hintersinnige Spiel der Eigenspiegelung vermuten. „Hier wird sich das Medium zum Inhalt“ - frohlocken wir und finden Tarantino, Verhoeven, Altmann und die Coens toll, weil sie den Fundus aus Bildern und Tönen hemmungslos plündern und damit sichtbar machen als das, was er ist: ein kulturelles Artefakt. Lautet die Forderung also: „Plündern“? Sicher nicht. Und ganz sicher nicht angesichts eines Filmes wie „The Man Who cried“. Der plündert zwar hemmungslos, läßt dabei aber weder Hintersinn, noch vordergründige Ironie erkennen. Noch nicht einmal Geschmack.

Die Geschichte beginnt in den 20er Jahren. Ein jüdisches Mädchen wird aus Russland vertrieben, in England adoptiert, später in Paris Revuesängerin und auf der Flucht vor den Nazis fast ertränkt. Ihre Odyssee endet am Krankenbett des verlorenen Vaters - der ist mittlerweile Musicalarrangeur in Hollywood. Die schmonzige Story einmal beiseite gelassen: die Zügellosigkeit, mit der sich die Inszenierung in der Asservatenkammer des Melodrams bedient, ist atemberaubend. Durchgeblättert werden Votivtafeln aus Zigeunerromantik und Philosemitismus, aus Musketierspektakel und Historienschinken - im Stilmix trifft Operettendekor auf Hamiltons Fettfilterästhetik. Regisseurin Sally Potter hat aus „Titanic“, „Das Leben ist schön“, „Dolce vita“, „D’Artagnan im Auftrag der Königin“, „Schindlers Liste“ und einer Prise Kusturica einen Film zusammengeklaubt, in dem sich die Zurschaustellung von Genredevotionalien mit Gesangsnummern ablöst. Die verkünden das irgendwie verbindende Thema: Alle Mensch tragen ein Stückchen Heimat und ein Stückchen Musik im Herzen. Und die Zigeuner und die Juden tragen daran etwas schwerer. Was wiederum unschwer zu erkennen ist in den traurigen Blicken von Christina Ricci und Jonny Depp, in deren dunklen Kulleraugen sich der Widerschein der brennenden Bücher genauso reflektiert, wie die Herdglut im jiddischen Stüble, das Feuerwerk der deutschen Besetzer genauso wie der Fackelschein des Zigeunerlagers. Ihre Blicke müssen strahlen, denn der große Strom ist voll mit Bilder. Und wer nur verträumt genug hineinsieht, wird selbst eines.

Urs Richter


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