 | | The Isle, K 2000; R u. B: Kim Ki-Duk; P: Eun Lee; K: Suh Sik-Hwang; D: Suh Jung, Yoosuk Kim, Jae Hyun, Hang-Seon Jang u.a. Verleih: Rapid Eye Movements; Start: 17.01.2002
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Die rettende Insel 'The Isle', der neue Film des Koreaners Kim Ki-Duk, tourt seit anderthalb Jahren durch die Festivalszene. Dabei hat er nicht nur durch einige Auszeichnungen von sich reden gemacht, sondern auch durch eine erkleckliche Anzahl ausgeknockter Filmkritiker. Regelmäßig verlassen sie kreidebleich den Kinosaal oder fallen gar in Ohnmacht. Immer bei jener Szene, in der Hyun-Shik, die männliche Hauptfigur, ein Bündel Angelhaken verschluckt, um sich an der Angelschnur selbst die Eingeweide herauszuziehen. Der Hype um diese brutale Szene ist verräterisch und sagt einiges über die effekthascherische Machart dieser gewaltdurchsetzten Romanze an einem beschaulichen Angelsee. Hyun-Shik wird von Hee-Jin, der weiblichen Hauptfigur, aus seiner Blutlache gerettet - aber erst nachdem sie mit dem Wehrlosen geschlafen hat. Eine Stunde später wiederholt Regisseur Kim Ki-Duk, der sich auch das Drehbuch ausgedacht hat, das blutige Ritual. Als Hyun-Shik Hee-Jin verlassen will, stopft sie sich die Haken in die Vagina, springt in den See und läßt sich von ihm an der Angel wieder herausziehen. Kim Ki-Duk haut also in 'The Isle' kräftig auf die Pauke. Doch damit übertönt er bloß, daß er hier eigentlich eine uralte Scheinwahrheit in Szene setzt, die nicht nur im asiatischen Kino längst zum Klischee geronnen ist: Liebe macht abhängig, Liebe tut weh, ihre Kehrseite ist die Gewalt. Warum das so ist, und warum es auch bei Hyun-Shik und Hee-Jin so ist, das sagt oder fragt der Film nicht. Angefangen hat diese Liebe viel zarter, trotz oder gerade wegen widriger Umstände. Hee-Jin betreibt eine Art Hausboot-Campingplatz für Angler, denen sie tagsüber Lebensmittel und nachts ihren Körper verkauft. Hyun-Shik wiederum ist anders als die anderen Gäste. Er will weder angeln noch Sex, sondern sich in aller Einsamkeit umbringen. Hee-Jin verhindert es, und die beiden strecken langsam die Fühler aus ihren beschädigten Welten heraus, werden ein Paar. Er ist zunächst als harmloser Depressivling gezeichnet, der ihr kleine Putzigkeiten aus Draht bastelt. Weshalb er dann aber in seiner Verliebtheit plötzlich schubweise zum gewalttätigen Macho mutiert, bleibt schleierhaft. Daß die Sache mit der Liebe einen Haken hat, bringt er jedenfalls in einem plakativen Legebild zum Ausdruck, das nur ganz kurz zu sehen ist und die Botschaft des Films zusammenfaßt: zwei Angelhaken, in Herzform arrangiert. Vielen Dank, wir haben verstanden. Kim Ki-Duk bebildert seine Geschichte mit einigem visuellen Aufwand, bemüht eine sorgfältig abgestimmte Farbskala, ausgefeilte Bildkompositionen, extravagante Beleuchtungen. Doch das ist kaum mehr als selbstverliebter Stilwillen, mit dem er seinen Film in eine latent mythische Aura taucht. Und die ist eigentlich noch ärgerlicher als der vordergründige Gewalteinsatz. Unter der Wasseroberfläche verbirgt sich augenscheinlich eine tiefere Wahrheit, von der wir nur geheimnisvolle Lichtreflexe zu Gesicht bekommen, die sich in den Wellen brechen. Der Gebirgssee ist eine abgeschlossene Welt, in der Natur und Mensch eine höhere Ganzheit bilden. Allegorisches Zentrum: Hee-Jin als schwimmende Seejungfrau; Klischeetypus: heilige Hure. Hee-Jin sagt übrigens den ganzen Film über kein einziges Wort. Das soll Tiefsinnigkeit suggerieren und zwingt die Schauspielerin Suh Jung, fehlenden Ausdruck mit vielsagenden Blicken wettzumachen. Während Kim Ki-Duk sich sonst ab und an unmotivierte humoristische Einsprengsel gönnt, landet er hier bei unfreiwilliger Komik. Gar nicht komisch ist dagegen, daß er den Film laut eines Interviews als 'feministisches Manifest' verstanden wissen will. Die Frau als das große Geheimnis, als die Erlösung - des Mannes. Das Ewig-Weibliche zieht ihn hinan, oder auch in die üblichen Untiefen hinab, hier: in den See. Regressive Phantasien, zu denen sich Kim Ki-Duk in einer Schlußmetapher noch mal ganz ausdrücklich bekennt, nunmehr auf rein symbolischer Ebene. Erst jetzt kommt in 'The Isle' eine Insel ins Spiel. Es handelt sich, wie uns dann dasallerletzte Bildklar macht, um den weiblichen Schoß. Frau tot, Mann gerettet. Das ist wirklich das letzte. Jakob Hesler
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