IrreversibelIrreversibel (Irréversible), Frankreich 2002. R, B, Schn: Gaspar Noé, K: Benoît Debie, Gaspar Noé, Pr: Christophe Rossignon, Vincent Cassel, Gaspar Noé, D: Monica Belluci, Vincent Cassel, Albert Dupontel, Jo Prestia
Verleih: Alamode, Start: 11.09.2003

Das Urteil von E. oder Die besoffene Fliege

Mein Bekannter E. hatte ''Irreversibel'' letztes Jahr auf dem Fantasy Filmfest in Hamburg gesehen. Als wir uns trafen, sagte er in konspirativem Ton, dass es der beste Film des Jahres sei. ''Wirklich?'', hauchte ich atemlos und verwies auf die bemerkenswerte Konkurrenz, die in diesem Jahr aufwartete. Er beharrte auf seiner Meinung. Ich war gespannt, denn E.s Urteil nehme ich sehr ernst. Als ich später von dem Skandal erfuhr, den ''Irreversibel'' in Cannes verursachte, war die Latte, an der ich diesen Film messen musste, schon ungewöhnlich hoch.

Vor ein paar Monaten konnte ich ihn als Sichtungskopie auf meinem heimischen TV-Gerät sehen. Ich war maßlos enttäuscht. Ich empfand die Visualisierung als geradezu hysterisch und hatte Mühe, der Handlung zu folgen, so sehr war ich ''out of the picture''. Mein mangelhaftes Französisch diente mir als Rettungsanker, als ich meinem Bekannten E. traf. ''Vielleicht habe ich nicht alles verstanden, aber wie du auf die Idee kommst, diesen Film gegen Kaurismäki und Almodovar auszuspielen, ist mir ein Rätsel.''

Ich argumentierte, dass mir die Technik des Rückwärtserzählens, anders als in ''Memento'' (den ich übrigens für überschätzt halte), vollkommen unbegründet erschien. Die Zeit geht ja chronologisch ohne nennenswerte Leerstellen voran, und die Handlung ist alle andere als kompliziert. Ich sagte, dass ich es für einen zeitgenössischen Dauerbluff halte, dass jeder ixbeliebigen Manipulation von Zeit gleich eine ''narratologisch interessante'' Bedeutung zugesprochen wird. Einen Film rückwärts zu erzählen ist an sich nicht spannender als der Satz: ''Pfeift Schwein mein.'' Diese Argumentation erschien mir plausibel, E. nickte und zuckte unbeteiligt mit den Schultern. Ich erwähnte nicht einmal mehr, dass ich auch die Zentralaussage des Films, alles ist unumkehrbar, ziemlich banal finde. Wir beließen es dabei.

Vor wenigen Tagen bin ich dann ins Kino gegangen, um ''Irreversibel'' noch einmal zu sehen.

Der Beginn: Wie eine besoffene Fliege kreist die Kamera durch ein rotes Backsteinviertel, dreht sich nach links, wirbelnd auf den Kopf, abgebremst an einer dunklen Mauer entlang, rechts unter einer Neonröhre hindurch. Nach zwei Minuten meldete sich der Gedanke in meinem Kopf, dass so etwas mein 40 Zentimeter Fernseher natürlich nicht leisten konnte. Ich sank tiefer in den Kinosessel.

''Irreversibel'' ist ein radikaler Film. Laut. Unbequem. Brutal. Es geht um die Vergewaltigung einer Frau und die Rache ihres Mannes. Durch die wirbelnde Kamera und die zeitweise kreischenden Sounds der Tonspur wird der Naturalismus in Zaum gehalten. Alles scheint gesteigert, in seiner Radikalität unwirklich. Viel Kokain, die düstersten Zuhältertypen, eine testosteronüberfüllte Schwulendisko, Polizeisirenen, die eingeschlagene Windschutzscheibe eines Taxis. Und immer wieder die besoffene Fliege:

Nachdem der Held den zerschundenen Körper seiner Frau erblickt, fliegt sie ruckweise auf die Krankenbahre zu. Er stürzt sich über die Frau, beginnt zu wimmern. Die Fliege bewegt sich zum Rhythmus seines Herzens vor und zurück, vor und zurück. Das sind Steigerungsformen der mobilen Kamera, die es so konsequent noch nicht gegeben hat.

Man ist gefangen in einer Welt, die den Aggressionstrieb unverhüllt in Szene setzt. Die Bestie Mensch lebt. Was ich vor meinem Fernseher noch nicht verstanden hatte, wird hier zum Schlag in die Magengrube: Die unvorstellbare Wut, die zu Beginn des Films zur grausamen Hinrichtung eines Unschuldigen führt, gehört nicht dem rächenden Ehemann, sondern seinem Freund, dem Lehrer, dem Moralisten, dem ausdauernden Apologeten der friedlichen Lösung.

Man wird die Stirn runzeln, wenn ich sage, dass ''Irreversibel'' zuerst und zumeist aber der traurigste Liebesfilm ist, den man sich denken kann. Nach der Vergewaltigung nämlich wird das Glück des Paares inszeniert, das vor diesem Ereignis lag. Das gemeinsame Aufwachen, das Nicht-Aufstehen-Wollen, Albernheiten. Man erfährt, dass ein Kind auf dem Weg ist. Alles in lichtdurchfluteten, ruhigen, fast meditativen Bildern. Die Wirkung, die von ihnen ausgeht, lässt sich nur mit einem Wort beschreiben: Glück. Und hier, an dieser Stelle, wurde mir klar, warum der Film gerade durch die Entscheidung, am Ende zu beginnen, ein Meisterwerk geworden ist. Mit dem Inferno im Gedächtnis strahlt das Paradies in gesteigertem Glanz.

Man könnte auch sagen, dass der Film gegen Gewalt und Rachsucht argumentiert. Nach 50 Minuten ist der Spuk vorbei, Friede kehrt ein. Dass sich dieser Verlauf nur strukturell vollzieht, stimmt wohl. Dennoch, ein Argument bleibt es.

Ganz am Ende bricht die Zeitstruktur noch einmal auseinander. Es ist eine Vision, die uns erscheint, die schwangere Frau lesend in einem Park, umgeben von spielenden Kindern. Ein Sprinkler bewässert das Gras, die Fliege folgt seinem Kreisen, beginnt wieder zu torkeln, die Vision entgleitet dem Blick. Als eine Art Gebet habe ich sie mit nach Hause genommen.

Johannes Schade



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