Jackie Brown
Quentin Tarantino, USA 1997

Seit ein paar Tagen ist offiziell: Herr Tarantino ist erstens kein Halbgott, sondern sterblich und als solches zweitens verliebt und das ist ja auch ganz schön. Verliebt ist er in Pam Grier, die Hauptdarstellerin seines jüngsten und dritten Werkes "Jackie Brown", über dessen Handlung bereits so viel berichtet wurde, daß wir Euch und uns eine Inhaltsangabe an dieser Stelle ersparen. Soviel passiert übrigens auch gar nicht, Herr Tarantino ist viel zu verliebt, um sich noch um eine aufwendig verschachtelte Story bemühen zu können, dramaturgischer Höhepunkt ist ein schnöder Taschentrick.

Viel Zeit nimmt Herr Tarantino sich hingegen für seine Angebetete, ein alt und füllig gewordenes Relikt aus den blaxploitation-movies der Siebziger, damals eine Art schwarze Modesty Blaise, ein weibliches Pedant zu Bond, James Bond, wenn man so will.
Die Kamera macht den Kniefall: Jackie Brown liegend, sitzend, stehend, gehend, rennend, auf dem Barhocker, am Steuer. Im Stewardessenkostüm, im Bademantel, im Freizeitlook, im Anzug, die Haare gebrannt, geplättet, naturkraus oder dauergewellt. Jackie Brown von hinten, vorne, seitlich rechts-links, in der Totalen, Amerikanischen, als Porträt und dazwischen immer schwer in Fahrt. Jackie Brown im Dunklen, in Rot- Grün- Blau- und Neonlicht und stets wunderschön anzuschauen.

Die übrigen Figuren werden weniger ausgiebig, aber mit ganz ähnlicher Licht- Kamera- und Ausstattungsdramaturgie bedacht. Das alles kennen wir gut, dieser pointiert überzogenen Stilistik gilt unter anderem unsere Tarantinoverehrung, ich möchte nur an die Ohrabschneideszene in "Reservoir Dogs" oder an den Tanz in "Pulp Fiction" erinnern. Daß die Musik eine ausgezeichnete Stellung innehat, dürfte sich bei einem Tarantinofilm von selbst verstehen. Wieder hat jede Figur ihren ganz eigenen, wohlgewählten Sound erhalten.

Aber - weniger wäre mehr gewesen. Nicht daß die Story dünn ist stört, auch 'Reservoir Dogs' war ja beinahe ein Kammerspiel, nicht das 'Jackie Brown' Durchhänger hat ärgert, sondern daß die Geschichte, die Herr Tarantino erzählen möchte und die Gemächlichkeit, mit der er sie erzählt, durch andere Mittel als den "Pulp Fiction"- erprobten viel schöner hätte werden können. Man versteht nicht genau, warum Herr Tarantino seinen ganzen Zauberkasten vorkramt. Um einen verfetteten Travolta oder eine supersexy Thurman aus dem Zylinder gezogen zu sehen, war uns ja jeder Pomp willkommen, an diese Tricks wollten wir glauben. Aber an der langsam und mit Längen erzählten Liebesgeschichte zwischen einer altgewordenen Stewardess und einem berufsmüden Kautionsmakler schießt die tarantinosche Syntax dann doch leicht vorbei und mündet in einer selbstvergessenen Stilistik, die nicht wirklich zu Leben erwacht.

Ich will nicht bezweifeln, daß Herr Tarantino seine sehr geschickte Vermarktungsstrategie an ein echtes Anliegen gekoppelt hat: Zwar aus ökonomischen und produktionspolitischen Gründen einen kleinen Film zu drehen, aber dennoch einen Herzensfilm. Einen Film, der ihn nicht festlegt auf 'Pulp Fiction - Die Fortsetzung', aber dennoch ähnliche Innovationskraft besitzt. Diese Absicht ehrt ihn durchaus, auf die kollektive Publikumserwartung, die sich an seine beiden Vorgängerfilme anschließt, so deutlich zu pfeifen, ist ohne Frage mutig.

Scheinbar aber war Herr Tarantino so beschäftigt mit der Nichterfüllung dieser Erwartung, daß er einen guten Teil seiner augenzwinkernden Naivität, seiner unmittelbaren Begeisterungsfähigkeit und mitreißenden Euphorie verloren und noch keinen wirklichen Ersatz gefunden hat. Seine Mittel sind zum Selbstzweck geraten, so, als ob er noch nicht genau wüßte, wie er sein neues Objekt der Begierde zu umwerben habe, und mit dem aufgewärmten Charme des Fünfzehnjährigen nur allzu schnell abkühlt an der herben Reife einer älteren Geliebten, die deutlich andere Ansprüche stellt als das Mädchen aus der Parallelklasse. Tarantino möchte erwachsen sein und hat unterwegs eingebüßt, was ihn als Pubertierenden vor dem pubertierenden Rest auszeichnete: seine Selbstironie. Als Schwärmer war er, das hat er bewiesen, unschlagbar. Ob Herr Tarantino ernstlich zum Liebhaber taugt, würde ich mir an Pam Griers Stelle gründlich überlegen.

Urs Richter



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