Plumpe Allegorien
Eine Antwort auf die filmtext.com Kritik zu "Japón"

Jakob, wir sind ja häufig ähnlicher Meinung, wenn's um Filme geht, über "Japón" aber gar nicht. Vor ein paar Tagen saß ich drin, Deine euphorische Besprechung im Hinterkopf. Vor Augen aber einen Film, der eitel ist, unkonzentriert und zäh. Auf zwei grässliche Szenen hattest Du ja mündlich vorbereitet - einmal kuschelt sich der suizidale Trauerkloß neben ein totes Pferd, dem die Eingeweide rausquellen. Ein andermal träumt er von einem knackigen Bikinigirl, das die alte Ascen küsst. Beide Szenen sind plumpe Allegorien, aber ich finde, nicht sehr viel plumper als alles Übrige.

Was zum Beispiel ist mit der fortwährend herumschwenkenden Kamera? Am Anfang verfolgt sie noch Menschen auf Serpentinenpfaden. Gut, das passt und erinnert in der Tat so stark an Kiarostami, dass man von Plagiat sprechen möchte. (Genau wie tote Pferde auf regennasser Weide zum Tarkovskij-Inventar gehören.) Dann verselbständigen sich diese Schwenks aber von jeder Handlung, dauern immer länger und ihre raumgreifenden Bögen bleiben mal irgendwie hängen am müden Lebensmüden, mal auch nicht. Unterwegs nehmen sie jede Menge karge, schöne und vor allem: stumme Natur mit. Die wird an solchen Stellen mindestens genauso vom Film funktionalisiert, wie vom Helden, weil beide auf die große Stille keine Antwort geben wollen. Mitversenkung ins Erhabene wird uns stattdessen aufgenötigt. (Dem wirkt die raue Körnung nicht entgegen, im Gegenteil.) Ins Schwelgerische verschwenkt sich der Film. Reygadas "visuelle Intelligenz" besteht im Kalkül, dass als Poesie durchgeht, was in Wahrheit Konzeptmangel ist.

Auch die hintersinnigen Wechsel zwischen diegetischer und nicht-diegetischer Musik, wie Du sie beschreibst, sind nicht so schlüssig durchgehalten, dass das Pathos des Bachkantatensounds nicht schließlich doch vom Discman überschwappt zu jenem, das der Film selbst in Anspruch nimmt. Wenn der Denker den Ghettoblaster vom Kneipentisch fegt, verstummt auch seine Privatbedröhnung - um im Anschluss wieder triumphal anzuschwellen, mitten hinein in die versoffene Lethargie des Provinzstumpfsinns.

Die philosophischen Dialoge zwischen Ascen und dem Mann gehen etwa so - Er: "Gelassenheit lehrt einen, dass man wegwerfen muss, was kaputt ist." - Sie: "Aber manchmal ist es besser, Sachen zu reparieren." (Ok, das ist kein faires Argument, aber die Lebensklugheit, die Du der Alten unterstellst, habe ich nicht gesehen.)

Die Szene, die mir am besten gefallen hat, verdankt sich purem Zufall: Als der restlos (wirklich!) besoffene Tagelöhner erst auf seine Filmgage schimpft und dann sein Liebeslied brüllt wie ein sterbender Ochse. Da war ich auch gerührt, aber überhaupt nicht über den Film, im Gegenteil - über die Nichtinszenierbarkeit des Moments.

Reygadas verkauft seinen Willen zur Kunst als Nichtkunst, als rohe, ungeschliffene Expression. Was er erzählt, hat mich ehrlich nicht interessiert. Wie er erzählt, geärgert, weil hinberechnet auf zwei oh, so mächtige Götzen: Trieb und Tod. Die gibt's, wie sonst?, in reiner, primitiver Form nur noch auf dem Dorf, wo Pferde ficken, Kinder Schnepfen den Kopf abreißen, eine runzlige Alte sich von hinten nehmen lässt und beizeiten ein explodierender Traktor ein halbes Dorf tötet. Reygadas malt solche Tableaus mit gewollt grobem Gestus aus, die pingelige Schwermut des Städters verblasst dabei in der Tat. Aber was bleibt ihr auch anderes übrig?

Urs Richter



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