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Kundun Martin Scorsese, USA 1997 "Kundun", der jüngste Film Martin Scorseses, erzählt die Lebensgeschichte des 14. Dalai Lamas von seiner frühesten Kindheit bis zur Vertreibung aus seiner Heimat durch die Chinesen. Der Film beginnt mit einer deutlich herausgestellten subjektiven Kameraeinstellung: Ein Kind liegt auf einem Lager am Boden und sieht die Füße und Schienbeine seiner Mutter. Dieses Bild wird wiederkehren, viel später, wenn der Dalai Lama sich als junger Erwachsener an seine Kindheit und die Zeit vor seiner Entdeckung erinnert. Wichtiger ist, daß Scorsese auf diese Art sein wichtigstes Stilmittel eingeführt hat. Der ganze Film ist voller, zum Teil sehr deutlich markierter, subjektiver Kameraeinstellungen, z.B. wenn das Gesicht des Dalai Lamas mit einem Tuch bedeckt und der nächste Kamerablick durch eben dieses Tuch verschleiert ist. Die Funktion des Mittels der subjektiven Kamera ist überdeutlich und wird anfangs noch durch Großeinstellungen der Augen und Ohren des Dalai Lamas unterstrichen: wir sehen alles, wie er es gesehen hat und wir hören es, wie er es gehört hat. Der Dalai Lama erzählt uns seine Geschichte. Im Abspann wird noch einmal explizit auf die Mitarbeit des geistlichen und politischen Führers Tibets an diesem Film hingewiesen. Somit scheint "Kundun" ein sehr persönlicher Film zu sein. Aber es ist eben auch der Film Martin Scorseses, für den Spiritualität und Religion schon immer zentrale Themen gewesen sind. Nachdem er mit der eigenen Katholizität abgeschlossen zu haben scheint, wendet er sich jetzt dem Buddhismus zu. Es ist Scorsese der, hypnotisiert von der fremden Pracht, ein opulentes Spektakel inszeniert. Es ist Scorsese, der keine andere Form der deutlichen Stellungnahme findet, als die plumpe Gegenübersetzung des von Schönheit und tiefer Gläubigkeit geprägten Lebens der Tibetaner und der Uniformität und Berechnung des chinesischen Kommunismus. Somit ist es Scorsese, der aus "Kundun" einen Propagandafilm macht. Dies ist, angesichts der Verbrechen der Chinesen und der immer noch bestehenden Machtverhältnisse ein überaus ehrenwertes Projekt. Das Problem ist aber nicht Scorseses Anliegen, sondern die von ihm gewählte Form der Vermittlung. Von drastischen Oppositionen, gerade auch auf visueller Ebene, war bereits die Rede. Alle Chinesen tragen graue Uniformen und hinter ihrer vordergründigen Höflichkeit lauert immer die Bereitschaft zur unmenschlichen Grausamkeit gegen Abweichler. Die chinesischen Kommunisten sind in "Kundun" das vollkommene und dadurch faschistische Kollektiv, ohne Vergangenheit aber voller Fortschrittsglaube. Deshalb müssen auch alle in der grauen Stadt Peking leben und Fahrrad oder Auto fahren. Die Tibetaner dagegen leben in Dörfern oder der heiligen Stadt Lhasa. Sie tragen alle bunte wunderschöne Kostüme. Sie glauben an die Würde des Individuums und an Gewaltlosigkeit. Sie haben Traditionen und Wurzeln. Natürlich hat Scorsese bewußt stilisiert. Die Plumpheit dieses Vorgehens wird aber meiner Meinung nach besonders da deutlich, wo versucht wird, die einfachen Kontraste zu unterlaufen. Der chinesische General, der vom China vor Mao erzählt und die Andeutung von Konflikten im Inneren Tibets wirken wie unentschlossene Feigenblätter, die mehr entlarven als verbergen. Nun gut, aber Scorsese wollte ja eben nicht alle möglichen Perspektiven zeigen, sondern eine privilegierte, die des Dalai Lamas nämlich. Auch deshalb bleiben viele dargestellte rituelle Handlungen für uns unverständlich als Fremdes stehen. Aber den Pathos, der durch die mit folkloristischen Elementen versetzte Musik von Philipp Glass in die Bilder getragen wird, den hat nun mit Sicherheit Scorsese zu verantworten. Ebenso die einseitige Zeichnung der Hauptfigur, des Dalai Lamas, die anfangs wenigstens noch zum Teil menschliche Facetten aufweist, später aber den erwachsenen Dalai Lama tatsächlich nur noch als lebloses Abbild eines Heiligen zeigt. Und so ganz und gar mag Scorsese doch nicht auf die Verkündigung buddhistischer Weisheiten verzichten, die allerdings, schon durch die Form eines Spielfilmes bedingt, auf das Niveau westlicher Bürokalendersprüche gesunken sind: Erlösung findet man nur in sich selbst; Gewaltlosigkeit ist gut; Alles ist vergänglich; Alles kehrt wieder; Alles gehört zusammen. Der böse Verdacht drängt sich auf: dies ist das bedeutungsschwangere Geraune eines zivilisationsmüden Bildungsbürgers, der eben nicht in sich selbst Erlösung zu finden verhofft, sondern in der Ferne. Meditativen Sog und beeindruckend feine Metaphorik, auf die andere Rezensenten verweisen, konnte ich in "Kundun" nicht finden. Vielleicht habe ich den Film zu direkt gesehen, aber ich fühlte mich, insbesondere durch die Musik und den Ausstattungspomp, erschlagen. Mich hat "Kundun" kaltgelassen. Björn Vosgerau
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