 | | Kadosh, Frankreich/Israel 1999, R & B: Amos Gitai, B: Eliette Abecassis, Jacky Cukier, K: Renato Berta, M: Philippe Eidel, S: Monica Coleman, P: Laurent Truchot, D: Yael Abecassis, Yoram Hattab, Meitel Barda, Uri Ran Klauzner, Sami Hori, u. a. Pegasos Film, 19.07.2001 (OmU) | | |
Der Himmel muß warten "Um die Komplexität der Situation auszudrücken, war größte Vereinfachung nötig. Es gibt nur 7 Charaktere, und der Film beschäftigt sich mit den Konflikten zwischen 2 Frauen und 3 Männern. Das ist wie Kammermusik." (Amos Gitaï)
"Kadosh" heißt heilig. Ort der Handlung: Jerusalems orthodoxer Stadtteil Mea-Shearim. Setting: Eine Gemeinde der ultra-orthodoxen Haredim, die klassisch patriarchal strukturiert und deren "Gemeinschaft Gegenstand endloser Debatten in Israel" ist (TARBUTON, Januar/Februar 2000). Genre: Drama. Protagonisten: Rivka und Malka, Schwestern; Meir, Rivkas Mann; Yaakof, Malkas Jugendliebe; Yossef, Malkas Zugetrauter; Rabbi Shimon, Haupt der Gemeinde (und andere). Konflikte: kinderlose Ehe und Zwangsheirat. Das Leben in Mea-Shearim ist für den 08/15-Westeuropäer (im weiteren "der moderne Zuschauer" genannt) unvorstellbar. Denn dieser ist auf Grund seiner naturwissenschaftlich-rationalen Prägung nicht, oder nur sehr oberflächlich religiös. Er hält es für relativ in Ordnung, mit 30 unverheiratet ein kinderloses Single-Dasein zu führen, liebt Städte, und zwar wegen der Freiheit, die man in ihrer Anonymität genießt, weiß, was die Begriffe "Fast Food", "PC" und "2-Step" bedeuten und betrachtet geschlechtliche Gleichstellung als kulturelle Grundvoraussetzung. Zumindest ist deren Idee soweit in sein Bewußtsein gedrungen, daß sich die patriarchalen Strukturen von einst in seiner Lebenswelt soweit aufgelöst haben, daß künstliche Befruchtung im Zweifelsfall akzeptabler erscheint als Zwangsheirat. Von dieser Weltsicht wissen diejenigen, die in einer orthodoxen Gemeinde aufgewachsen sind nichts, oder haben bestenfalls per zufälligem Kontakt zur Außenwelt den Hauch einer Ahnung davon. Das Leben in Mea-Shearim verläuft nach strengen, sich auf den Talmud berufenden und vom Patriarchat festgelegten Regeln. Die bestimmen akribisch genau den Ablauf der 24 Stunden des Tages, der 365 Tage des Jahres. Das Leben der Männer ist dort geprägt von langen rituellen Gebeten und dem Studium des Talmuds (von dem der moderne Zuschauer bestenfalls den Hauch einer Ahnung hat). Das Leben der Frauen hingegen von einer manischen Vorstellung von Reinheit/Unreinheit, von Kinderzeugung und vom Erhalt der Familie (von der der moderne Zuschauer träumt oder albträumt). Die Familie ist dabei indirekt der höchste Wert der Haredim. Indirekt, weil zum Zweck der Verbreitung des Glaubens: "Damit wir über sie siegen." - "Wer sind sie?" - "Die Ungläubigen, die Heiden!" Rivka und Malka sind Prototypen der Unterdrückten in diesem orthodoxen System. Rivka ist diejenige, die nichts von der "anderen Welt" weiß und auch nicht wissen will. Sie ist die passiv Leidende, die schweigsam Erduldende. Daran wird sie zugrunde gehen. Malka ist die ständig Zweifelnde, laut Aufbegehrende. Sie wird den Sprung letztlich wagen und alles hinter sich lassen. Dadurch, daß Gitaï dieses Thema wählt, wohl wissend um die zunehmende Armut familiärer und sozialer Strukuren in modernen Gesellschaften, trifft er einen wunden Punkt beim modernen Zuschauer. Dieses Ins-Bewußtsein-Rufen und das damit einhergehende beklemmende Gefühl können allerdings nur entstehen, weil der Regisseur es schafft, die Distanz zwischen den zwei Welten so zu minimieren, daß das Existenzielle des Dargestellten greifbar wird. Denn Gitaï konstruiert seine Fiktion stets psychisch nah an seinen Schauspielern und Figuren, physisch nah ist die Kamera jedoch nur an den rituellen Handlungen. Wodurch ein adäquater Reflexions-Raum für den Betrachter entsteht, der ihn nicht aus der Handlung reißt, sondern ihn im Gegenteil noch weiter hineinzieht. Das postmoderne Dilemma verschwindender Sozialstrukturen ist dabei ebenso präsent, wie die Problematik einer hier nur oberflächlich dargestellten konservativen Glaubenskrieg-Strategie. Indem Gitaï die Unmöglichkeit der missionarischen Durchsetzung der "hehren" Werte der Haredim, oder vielmehr die unauflöslichen Konflikte, die dabei entstehen würden, an seinen beiden Hauptfiguren Malka und Rivka zeigt, wird gleichzeitig seine ablehnende Haltung gegenüber deren Ultra-Gläubigkeit und sein Einfühlungsvermögen in ihre Lebenssituation deutlich. Mit Fug und Recht kann man also Amos Gitaï (der seit 1986 im Exil lebt) einen originären Blick zusprechen. Achim Wiegand
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