The KillingThe Killing, (The Killing), USA 1956, 85 min. R&B: Stanley Kubrick, B: Jim Thompson, Lionel White, P: James B. Harris, Alexander Singer, K: Lucien Ballard, S: Betty Steinberg, M: Gerald Fried, D: Sterling Hayden, Colleen Gray, Elisha Cook, Marie Windsor, Randy Kennan, Kola Kwariani, Vince Edwards, Timothy Carey.
Alamode, 6. Dezember 2001

Bittersweet Symphony

Fünf Jahre Knast, das ist kein Pappenstiel. Um es mit den Worten unserer Väter auszudrücken. Die hat Johnny jetzt hinter sich. Fünf Jahre Alcatraz - dafür wirkt er erstaunlich entspannt. Aber in Anbetracht seiner Pläne ist das angemessen und notwendig. Wenn er, wie der Titel der Buchvorlage von Lionel White nahe legt, den berühmten letzten großen Coup, den "Clean Break" schaffen will.

Kubricks zweiter Spielfilm, den er später selbst seine "erste wirklich professionelle Arbeit" genannt haben soll, erzählt ganz ähnlich wie "Rififi" von Jules Dessin einen Raub, in diesem Fall auf der Pferderennbahn. Das Besondere dabei ist die Detailgenauigkeit und Ausführlichkeit, mit der sich der Film der Tat widmet. Tatsächlich besteht er ausschließlich aus den Vorbereitungen, dem Raub und dem anschließenden Beuteteilen. "The Killing" entstand ein Jahr später als "Rififi", setzt sich aber vom Vorläufer einerseits ab durch die enorm hohe Erzählgeschwindigkeit, die ihn viel mehr als "Actionfilm", denn als "Film Noir" klassifiziert, andererseits durch überlappende Zeitebenen, in denen die eine Woche erzählter Zeit verschachtelt ist.

Der Plan ist ausgeklügelt. Und nach menschlichen Ermessen totsicher - unter ein paar Parametern. Vor allem unter dem Parameter der Verschwiegenheit. Wenn George Peatty (das klingt verdammt nach "pitty", "self-pitty") gleich zu Beginn seiner herrschsüchtigen, und geldgeilen Frau Sherry die Pläne ausplaudert, ist der Fahrplan ins Unglück schon geschrieben. Und so wirkt das wieder- und wiederholte Sehen der Eingangssequenz, der Beginn eben jenes siebten Rennens, während dem der Raub stattfindet, von mal zu mal bedrückender. Die Verkettung nicht von Zufällen, sondern von psychologischen Gegebenheiten erzeugt eine moralische Identifikation mit der Hauptfigur, mit den Hauptfiguren, wie kaum ein anderer Film dieses Genres.

Der Zuschauer wird zum Zuschauer einer Sportveranstaltung. Werden es die Gauner schaffen? Warum hat Jonny sich nicht anders verhalten in dieser Situation? Ist er ein Profi oder ist er ein Profi? Kurz: man fiebert mit den Gangstern mit, man hofft bei jedem "Schicksalsschlag", es möge dennoch reichen, man wird sauer bei allzu menschlichem Verhalten, das dem Ausgang schaden könnte. Und das trotz aller Zeichen, die einem Kubrick mitgibt.

Was den Verdacht nähren könnte, Kubrick moralisiere. Aber genauso wenig wie 'Rififi' oder anderen Filmen jener Ära geht es 'The Killing' um eine Moral à la Pro- oder Contra-Kriminalität. Gerade weil man außer den notwendigsten Informationen - eine Frau, die fünf Jahre Knast abwartet - so gut wie nichts erfährt über Johnny, wird es möglich, daß Sterling Haydon als Johnny zu einer perfekten Figur der Gerechtigkeit wird. Nicht des Spielers, der durch ein "ultimativ letztes Mal" von seiner Sucht loskommen will, sondern des "freien Menschen", dessen Ernsthaftigkeit um das letzte Mal keine Sekunde anzuzweifeln ist und dessen Coolness zwar stets präsent ist, aber stets von einer Geste des Selbstzweifels begleitet wird.

Nicht zuletzt durch die Besetzung mit Sterling Haydon gelingt es Kubrick, diese komplexe Geschichte plastisch und einfach erscheinen zu lassen. Sie emotional nachvollziehbar und ästhetisch beeindruckend zu erzählen. Und nebenbei: Nicht nur das Überlagern von Zeitebenen, auch der narrative Kreisschluß (wie von Tarantino wiederentdeckt) findet hier seine originäre Vorlage.

Achim Wiegand

 

Apropos "The Killing":

David Gerrard hat ein interessantes Thesenpapier verfasst, ausgehend von einem Filmzitat aus "The Killing". Maurice, den Ringer, der dafür zuständig ist, während der Raub stattfinden soll, eine Schlägerei mit den Sicherheitskräften anzuzetteln, hält er für die symbolische Entsprechung des Regisseurs (Kubricks). Als Johnny ihn aufsucht, um ihn zu engagieren, hält ihm Maurice folgenden Monolog: "You have not yet learned that in life you have to be like everyone else. The perfect mediocrity; no better, no worse. Individuality is a monster and it must be strangled in its cradle to make our friends feel confident. You know, I have often thought that gangsters and artists are the same in the eyes of the masses. They are admired and hero-worshipped, but there is always present an underlying wish to see them destroyed at the peak of their glory."

Und außerdem können im Archiv von filmtext.com die Kritiken zu 2001 von Jakob Hesler und zu Eyes Wide Shut von Urs Richter nachgelesen werden.

 


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