 | | Die Kommissarin, (Komissar) UdSSR 1967. R. und B: Alexander Askoldow, K: Valeri Ginzburg, Schn: Natalya Loginova, Svetlana Lyashinskaya, Nina Vasilyeva, Sounddesign: Yevgeni Bazanov, Liya Benevolskaya, Nikolai Shary, M: Alfred Schnittke, D: Nonna Mordyukova, Rolan Bykov, Raisa Nedashkovskaya, Lyudmila Volynskaya, Vasili Shukshin | | |
Ein Wiegenlied für die Genossin Am Ende der schlichten, eher gemurmelten als gesungenen Strophen hält die Frauenstimme eine kleine Ewigkeit den Ton und reißt ihn schließlich tschirpend in die Höhe. Doch darin ist kein Juchzen und keine Fröhlichkeit. Die Melodie schließt sich nicht, jede neue Strophe bedarf einer Anstrengung - und wäre sie die letzte. An Amseln nach dem Regen muss man denken. Oder an den gespenstischen Vortrag japanischer Opern. "Die Kommisarin" aber singt auf Russisch. Sie hat einen Sohn geboren in der Schlafkammer einer armen jüdischen Kesselflickerfamilie. Die Rote Armee musste sie zurücklassen, die zaristischen "Weißen" stehen vor den Toren der Stadt. In das Wiegenlied mischt sich Grollen von Artillerie. "Eine Macht ist weg - die andere noch nicht da. Das ist die beste Zeit für die Menschen, Genossin Wawilowa." - sagt Jefim, der Kesselschmied. Sie aber ahnt, dass diese Zeit noch lange nicht reif ist, stillt ein letztes Mal ihr Kind und zieht dem Regiment hinterher in den Krieg, den die Revolution zu führen hat. Die letzte Einstellung zeigt sie auf matschigem Schlachtfeld, ihren Soldaten voranmarschierend, eine merkwürdig verschleppte "Internationale" bildet den Schlussakkord. Weder auf tröstende Heimeligkeit, noch auf revolutionäres Pathos also möchte der Film einstimmen, und unter den Geburtsschmerzen der Kommisarin entäußert sich seine tiefe Resignation in schrecklichen Visionen. Der Krieg? - Ein Sensenbataillon in der Wüste. Die Revolution? - Eine panische Flucht gescheuchter Pferdehorden. Das Schicksal der jüdischen Familie? - Ein Gang durch ein hölzernes Turmtor. Die Liebe? - Eine verkrampfte Umklammerung. Regisseur Askoldow durchbricht seine gewaltvollen, eisensteinschen Allegorien mit Szenen bescheidener Zufriedenheit. Einen Sonnenstrahl auf der Schwelle, einen Napf Wasser ins Gesicht, ein Stück Brot vom Vortag und seine Werkzeugkiste braucht Jefim, um glücklich zu sein. Doch schon in den Spielen seiner Kinder bricht das Grauen durch. "Deserteur, komm aus deinem Versteck, wir tun dir nichts." - locken die Brüder, um ihre Schwester anschließend mit Holzgewehren zu erschießen. Vom Schemel aus schaut die Kommisarin unterm Kopftuch und im Blümchenkleid dem Treiben zu. Wenn sie Uniform trägt, stellt auch sie Deserteure vor das Standesgericht, ohne Zögern. Woher ihre Unbarmherzigkeit gegen sich und andere rührt, will Askoldow nicht psychologisch erklären. Dass das große gesellschaftliche Projekt sich jedoch stets im Kleinen beweisen muss, ist sein Credo. Der tatsächliche Umgang mit Ohnmächtigen, mit Minderheiten enttarnt die Formeln von Menschenrecht und Brüderlichkeit zum zynischen Lippenbekenntnis. Das Schicksal ausgerechnet einer jüdische Familie den hehren Zielen der kommunistischen Idee zur Bewährungsprobe auszusetzen, war 1967 ein Novum im sowjetischen Film. Und eine ungeheuerliche Provokation, nachdem die offizielle Parteilinie sich während des Sechs-Tage-Krieges auf Hetze gegen Israel eingeschossen hatte. Dass Askoldow rückblickend aber auch die Gründung der Sowjetunion als ganz und gar unheroische, entmenschte Quälerei darstellt, konnte die Zensur endgültig nicht übersehen. Kaum vollendet, wurde der Film umgehend im sowjetischen Kulturgiftschrank verschlossen. Erst 1987, die Perestroika im Rücken, wagt der mit zeitweiligem Berufsverbot belegte Regisseur nach dem Verbleib seines Debütwerkes zu fragen. Die versiegelten Kopiendosen werden geöffnet und einige Sequenzen, die Askoldows Frau zwanzig Jahre zuvor noch schnell herausgeschnitten und versteckt hatte, wieder eingefügt. Ebenso eine Komposition, mit der Alfred Schnittke sich zum ersten Mal an Filmmusik herangewagt hatte. Heute wirken Askoldows thematische Oppositionen: Familie - Volk, Frieden - Krieg, inneres Bedürfnis - äußere Notwendigkeit arg didaktisch. Die Prägnanz seiner Montagen aber hat Bestand. Urs Richter
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