 | | La Ciénaga - Der Morast, (La Ciénaga), Argentinien 1999, 102 Minuten. R. und B: Lucrecia Martel, K: Hugo Colace, M: keine, P: Lita Stantic, D: Martin Adjeman, Diego Baenas,Leonora Balcarce,Silia Bayle,Sofia Bertolotto, Juan Cruz Bordeu, Graciela Borges, Noelia Bravo Herrera u. a. Verleih: Pegasos, Start: 22. August 2002 | | |
Diese merkwürdige Mittelklasse Schwüle Februarwochen in den Bergen des argentinischen Nordwestens. Grillen zirpen. Von fern rollt der Donner. Eine Gruppe apathischer Mitfünfziger fläzt an einem schmutzigen Swimmingpool vor einem heruntergekommenen Landhaus. Man steht auf, um sich vor dem nahenden Regen zurückzuziehen, Orangenhaut und Bierbäuche schlurfen durchs verkantete Bild, die Gartenstühle scharren auf dem Beton, die Eiswürfel klirren in den Weingläsern. Mecha, die Dame des Hauses, stürzt. Sie liegt in einer Blutlache und keiner hilft ihr. Alle sind heillos betrunken. Ist das ein Bild der argentinischen Mittelklasse? Von deren Problemen in letzter Zeit so viel zu hören war, die es angeblich irgendwie gar nicht mehr gibt? Zeichnet 'La Ciénaga' (1999) hellsichtig die Vorgeschichte der jüngsten sozialen Katastrophe? Man sollte den Film vielleicht nicht einseitig auf die naheliegende politische Lesart festlegen. Ökonomische Bedingungen werden zwar ständig gestreift, aber kaum erklärt. Erklärt wird hier eigentlich gar nichts. Erst allmählich schält sich die Konstellation heraus: Zwei Zweige einer Familie verbringen gemeinsam die Ferien. Die Koordinaten der meisten Szenen sind dabei durch Frauen abgesteckt. Sie sind Mütter, Liebende, Untergebene. Ein Film aus latent weiblichem Blickwinkel - deshalb aber natürlich auch ein Film über Männer. Sie sind Clowns, liebevoll verständnislose Gatten, Lustobjekte. 'La Ciénaga' hat keine lineare Handlung, ist aber auch kein Episodenfilm, sondern ein subtil verwobenes Panorama. Ein Panorama kommunikativer Situationen, solcher des Leerlaufs und solcher der Intensität. Ein Panorama bürgerlicher Lebenshaltungen, zentriert im sinnlos versoffenen Dasein von Mecha und ihrem Mann; arbeitsame Eingeheiratete setzen dabei zentrifugale Akzente. Ein Panorama aber vor allem der Generationen. Aus dem Landhaus kommt die 15jährige Momi gerannt, um ihrer verletzten Mutter zu helfen. Momi ist das Kraftzentrum des Films. Auch sie wird nicht erklärt, sondern gezeigt. Die Welt dieser Pubertierenden ist vielschichtiger als die der Eltern. Diese klammern sich an ihre zerfallenden Charaktermasken, Momi hat noch keine. Sie schaut sich im Spiegel an oder in beschlagenen Fensterscheiben. Ihr Begehren greift um sich und kann sich nicht ausdrücken. Sie gafft, ist verlegen, weise, erwachsen. Und manchmal böse, wie es Kinder nur sein können. Aus Langeweile quält sie Isabel, das eigentlich von ihr abgöttisch verehrte indianische Hausmädchen, und verfällt in die rassistischen Klischees ihrer Eltern. Noch eine andere Perspektive haben die Kinder. Zwischen Selbstgenügsamkeit und Staunen spielen sie ihr eigenes Spiel. Grell geschminkte Gören wuseln durch das Landhaus, sprechen in einen Stehventilator und lauschen ihrer merkwürdig verfremdeten Stimme. Sie schauen durch die Schrägung eines Lineals und sehen die Welt mit neutralem Interesse in grünlich prismatischen Brechungen. 'La Ciénaga' besticht durch die langsame Konstruktion. Eher beiläufig ergibt sich eine gewisse Dynamik der Hoffnung, und deren schlußendliches Scheitern wird nicht tragisch verbrämt. Zwar hat Regisseurin Lucrecia Martel ihrem Debütfilm eine überdeutliche Leitmotivik übergestülpt: Im Dorf ist über dem Wassertank die Heilige Jungfrau erschienen, Fernsehberichte davon werden mehrmals eingestreut, auf flimmernden Schlafzimmerglotzen. Doch in diesem Kunstgriff muß man weniger eine Verbeugung vor dem globalisierten Schema des Episodenfilms sehen (wie etwa bei 'Amores Perros', diesem mexikanischen Exempel kalter Drehbucharithmetik). Eher zeigt sich darin die Unsicherheit des Erstlings, der seiner Erzählweise selbst nicht ganz traut. Aber das kann die Kraft und Genauigkeit nicht trüben, mit der Martel die Stimmungen und Spannungen dieser merkwürdigen Mittelklasse auslotet. Ihre Atmosphäre, könnte man sagen - wenn das nicht meteorologische Naturwüchsigkeit nahelegen würde. Denn die Hoffnungslosigkeit ist nicht vom Himmel gefallen. Jakob Hesler A propos "La Ciénaga": Einen zeitgeschichtlichen Abriß des 'Contemporary Argentine Cinema' seit dem Ende der Diktatur - leider nur bis zum Jahr 1997 - gibt David William Foster und kommt zu dem inzwischen vielleicht revisionsbedürftigen Fazit: 'It is all too easy to expect too much from, and to attribute too much to, a circumscribed production like the moviemaking examined in this study. Yet it can be only through the patient examination of this production that it will eventually be possible to ascertain its historical importance.'
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