Das Leben ist schön
Roberto Begnini, Italien 1998

Roberto Begnini, der dem Publikum vor allem als romantischer Tölpel aus diversen Jim Jarmusch Filmen bekannt sein dürfte, hat mit diesem Film einen mutigen Tabubruch gewagt. 'Das Leben ist schön' erzählt via märchenhafter Komödie von einer sehr privaten Strategie, auf den Terror des faschistischen Rassismus zu reagieren.

Die Hauptfigur Guido erobert in einer kleinen Stadt in der Toskana mittels seiner mitunter derben Komik im ersten Teil des Films das Herz der Lehrerin Dora und rettet im zweiten Teil dann durch eben diesen komischen Einfallsreichtums das Leben des kleinen Sohnes, den Dora und er mittlerweile ihr eigen nennen. Alle drei sind in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten gefangen. Guido und sein Sohn, weil sie jüdischer Abstammung sind und Dora, weil sie bei den beiden bleiben wollte.

Es liegt nahe, 'Das Leben ist schön' als eine Parabel zu verstehen, als eine gleichnishafte und deshalb verallgemeinerbare Lobrede auf die Humanität - zu der das Lachen und die Freude fraglos gehören- unter inhumanen Bedingungen. Auf die Phantasie, die ein Stück menschliche Normalität bewahrt in einer Umwelt, die alles Menschliche verneint. So verstanden gehört der Film in eine Reihe mit Werken wie 'The Great Dictator', 'Jakob der Lügner' und 'Sein oder Nichtsein'. Das am Filmende vom Sohn vor grüner Natur und in den Armen der wiedergefundenen Mutter ausgerufene "Wir haben gewonnen. Wir haben gewonnen." steht ohne Frage stellvertretend für die Erleichterung aller, die am Faschismus zu leiden hatten.

'Das Leben ist schön' unterscheidet sich jedoch in sehr vielen anderen Punkten von obengenannten Filmen. Wo zum Beispiel Chaplin die finale Hetzrede der Diktatorkarikatur Hynkel in grobe Humanismuspropaganda übergehen läßt, da enthält sich Benignis Film der Inanspruchnahme eines weltanschaulichen Gegenmodells zum faschistischen Größenwahnsinn. Wo Lubitsch uns immerhin von kollektivem, wenn auch milieugebundenem Widerstand gegen die Nazis erzählt, da ist und bleibt Benignis Guido ein Sonderling, ein Einzelgänger in Sachen Humor, den man nur mögen kann oder nicht, der keine Integrationskraft besitzt. Bezeichnenderweise und auch klugerweise bleibt Guido im Lager von seinen Mithäftlingen weitgehend isoliert. Seine einzige Kontaktperson ist, wie im Alltagsleben auch, sein Söhnchen. Guidos Humor ist ausgerichtet einzig auf dessen Rettung, bewirkt hingegen keine Solidarität innerhalb der Mitgefangenen, läßt sie auch keine Hoffnung oder Durchhaltewillen schöpfen. Guido als tragischen Helden zu bezeichnen, wäre verkehrt. Er ist Held in keinem Sinne.

Daß Benigni in 'Das Leben ist schön' nicht einfach "Das Menschliche" gegen "Das Unmenschliche" ausspielt und damit auch nicht die zweifelhafte Metaphysik bemüht vom per se guten Menschen, der gegen das irgendwie entstandene Faschismusmonster antritt, läßt sich schön an folgender Szene beobachten. Guido hat am Anfang des Films erfahren, daß ein Inspektor am nächsten Mittag die Schule inspizieren möchte, in der Dora arbeitet. Um ihr zu imponieren, geht er früher als der Inspektor hin, gibt sich als jener aus und fängt vor den Kindern und der Lehrerschaft mit seinen Blödeleien an. Die Schuldirektorin fordert ihm irgendwann den versprochenen chauvinistischen Vortrag über die Überlegenheit des Italieners an und für sich ab. Kurzfristig überrascht, legt Guido los und improvisiert die denkbar absurdeste Slapstick auf die Lehre und die Reinheit der Rasse. Nur beiläufig also und ohne besondere Absichten führt er in dieser und vielen anderen Szenen die Unsinnigkeit der faschistischen Ideologie und deren Anhängerschaft vor Augen. Versuche, das Entstehen dieser Ideologie zu erläutern, überfordern ihn gründlich und enden in Gestammel.

Hier zeigen sich die deutlichen Grenzen und ineins damit die zwei großen Stärken von 'Das Leben ist schön'. Benigni weiß, daß er im Rahmen des populären Kinos keine wie auch immer geartete Faschismusdiskussion führen kann. Alle historischen Bedingungen, aber auch alles historizistische "Vielleicht wäre es nicht so weit gekommen, wenn ..." klammert er von vornherein aus. Darin bescheidet er sich ehrlicherweise.

Warum dann aber, so möchte man fragen, muß er seine Komödie vor dem Hintergrund einer durch und durch unkomödiantischen Tatsache entspinnen. Die Antwort kann nur lauten, daß hier natürlich eine Emotionsstrategie am Werke ist, die damit spekuliert, daß dem Publikum die Darstellung des Greuels umso schmerzhafter wird, je ferner sie der Normalität rückt. Im Falle von 'Das Leben ist schön' funktioniert diese Strategie. Benigni kann sich und uns alle expliziten Horrorszenarien des Konzentrationslagers ersparen, gerade weil der Gegensatz - hier glückliche Kleinfamilie, dort größtes Elend - so offensichtlich ist, daß ihn schon Andeutungen zu markieren vermögen. Benigni muß die Grenzen des noch Darstellbaren nicht austesten, wohl wissend, daß sie auch nicht annähernd weit genug getrieben werden könnten.

Diese Ungeschichtlichkeit und dieses Holzschnittartige der Inszenierung von 'Das Leben ist schön' erlauben es, den Blick ganz auf das Schicksal des Einzelnen zu richten, auf Guidos kleine Familie. Und was der Film uns dann preisgibt, ist die in höchstem Maße rührende, unheroische und intime Geschichte eines Menschen, der entgegen bezwingender Umstände nicht von den Eigenschaften abgelassen hat, die seine Persönlichkeit ausmachen.

So ist es nur bedingt richtig, 'Das Leben ist schön' als Parabel zu verstehen. Der Film erzählt von drei Menschen, die ihre gegenseitige Liebe durch einen bestimmten Humor ausdrücken und nach und nach gezwungen werden, mithilfe dieses Humors nichts außer dem blanken Überleben zu sichern. Der Wert oder die Nützlichkeit ihres Talents erscheint dabei in durchaus ambivalentem Licht. Guido hätte besser daran getan, darüber läßt der Film keinen Zweifel, mit Dora und dem Kind auszuwandern. Ein Fazit kann das nicht sein.

'Das Leben ist schön' ist nicht " .. der erste Film über den Holocaust, den auch Kinder ansehen können..". Es geht nicht um den Holocaust. Es geht um ein unversöhnliches Plädoyer zugunsten der Individualität. Darin konnte Begnini überzeugen.

Urs Richter


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