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Lola rennt Tom Tykwer, Deutschland 1998 ... sofort los, startet, sobald wir, das Publikum, ein paar Prämissen akzeptiert haben: P1: Wir sind bedingungslose Blümchentekknoverehrer. P2: Wir stören uns nicht an Dialogen wie: "Ich fühle, du bist die Beste, Lola." "Wer ist den das, dein Gefühl, Manni?" P3: Wir glotzen manchmal MTV. Am liebsten die Gimmicks. P4: Wir haben den Begriff 'Postmoderne' schon mal gehört. Unterprämisse P4.1: Wir finden auch, daß irgendwie alles Zitat ist. P5: Wir haben früher Fußballbildchen getauscht. Oder TKKG Romane. (Fakultativ) P6: Wir finden Moritz Bleibtreu süß. P7: "Bandits" war ein geiler Film. P8: Beim Zahnarzt blättern wir die "Max" durch. P9: Kohl muß weg.
Gebongt? Lola darf losspurten. Und das ganz und gar unmetaphorisch: Franka Potente in feuerrotem Haar brezelt in Folge dreier aufeinanderfolgenden Varianten einer jeweils gleichbleibenden Ausgangskonstellation durch wundersam entleerte Berliner Straßenzüge und präsentiert ihre Leiblichkeit, ihr - wie die Schauspielerin in Interviews nicht müde wird zu betonen - körperliches Hier und Jetzt. Mit Makeln, die dazugehören: Ich schwitze, ergo sum. Eine Ikone. Soll sie wohl sein. Es fragt sich für was.Die Story ist die denkbar banalste: Lolas schusseliger, kleinkrimineller Herzensmann Manni vergeigt eine Geldübergabe und muß nun auf die Schnelle 100.000 DM aus dem Nichts zaubern. Ihm stehen zur Alternative: Supermarktüberfall oder Lolas rettende Idee. Ihr bleiben zwanzig Minuten. Praktischerweise managt ihr alter Herr eine Bank. Dorthin rennt sie und stolpert unterwegs versehentlich durch einen Comicstrip und Motive aus anderen Filmen, an Kurz- und Kürzestbiographien irgendwelcher Passanten vorbei , stolpert durch ausgefeiltes Leinwandsplitting, hinein in unterschiedliches Filmmaterial und haarsträubende Melodramen, stolpert durch atemberaubende Soundtracks und durch die creme de la creme der deutschen Schauspielkunst. Und weil das so viel fun bereitet, darf Lola insgesamt drei mal rennen, das macht sechzig Minuten plus Prolog und Zwischenspiel und Abspann endlich Spielfilmlänge und fix und fertig. 'Lola rennt' bläht das narrative Potential eines Kurzfilms zu voller abendfüllender Länge auf. 'Lola rennt' hegt keinerlei Ambitionen auf eine gepflegte Dramaturgie oder Charakter- und Milieustudien. 'Lola rennt' ist in seiner Populärphilosophie derart populär, daß selbst die schüchternsten Ansätze von Selbstironie per Herbergerzitat zu Nonsense verrührt werden. 'Lola rennt' ist in jeder Hinsicht so dermaßen unverbindlich, daß jedwede ernsthafte Interpretation von vornherein ausgeschlossen bleibt. 'Lola rennt' will nichts anderes sein als ein Spektakel, eine Fingerübung in filmtechnischen Möglichkeiten, eine sinnenstreichelnde Achterbahnfahrt. Für oder gegen ein solches Ansinnen läßt sich nicht argumentieren. Wie soll man Mangel an Schauspielkunst einklagen, wenn nur Comiccharaktere agieren? Wie soll man die Monotonie der Handlung bemäkeln, wenn Brachialchaostheorie und Stephen Hawkings Pate standen? Wie soll man über Feigheit und Leidenschaftslosigkeit und schlechten Geschmack spotten, wenn das stolze Credo des Films sowieso 'everything goes' lautet? Auf dem Rummel torkelt man schließlich auch nicht aus dem 'Shaker' und sagt: "Ich finde, in der Mitte gab es Längen." Nein, man spricht ein Geschmacksurteil: "X oder Y ist strunzlangweilig." Im Falle von ' Lola rennt' ist das ein Todesurteil. Urs Richter
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