 | | Lichter, D 2002, 105 Min. R+B: Hans-CHristian Schmid; B: Michael Gutmann; K: Bogumil Godfrejow; M: The Notwist; D: Ivan Shvedoff, Sergej Frolov, Anna Janovskaja, Sebastian Urzendowsky, Devid Striesow, August DIehl, Herbert Knaup, Henry Hübchen u.a. Verleih: Prokino Bundesstart: 31.7.2003
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Grenzerfahrungen Die Lichter am abendroten Horizont verheißen die Freiheit. Es sind die Lichter Berlins, sagt der Schlepper zu der Gruppe Ukrainer. Dorthin sollen die Migranten jetzt alleine weitergehen. Bald merken sie, dass sie nicht einmal in Deutschland sind. Die Ukrainer sind vor der polnisch-deutschen Grenze abgesetzt worden. Sie wurden verarscht. Dieser Betrug ist der erste in einer langen Kette, die sich als roter Faden durch die Episodenstränge von Hans-Christian Schmids "Lichter" zieht. Die Grenze teilt nicht nur Frankfurt/Oder und Slubice, sie schiebt sich auch als soziales Faktum zwischen die Menschen. Sie sind angespornt von Lichtern und Irrlichtern. Doch die Verzweiflung hinter ihren vagen Hoffnungen ist so groß, dass sie einander darüber verraten. Zum Beispiel Kolja, einer der gestrandeten Ukrainer. Er wird beim Versuch gefasst, die Oder auf eigene Faust zu überqueren. Eine Polizeidolmetscherin hilft ihm bei der Flucht und bringt ihn nach Berlin. Dennoch stiehlt ihr Kolja die Kamera aus dem Wagen. Oder Antoni, ein gutmütiger polnischer Taxifahrer. Er verspricht einem Paar mit Kind, für ein paar Dollar die Grenzpassage zu organisieren. Im letzten Moment bestiehlt er sie, um seiner Tochter ein Erstkommunionskleid kaufen zu können. Das Fressen kommt vor der Moral; in diesem Fall zu ergänzen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Eine andere Konstante in "Lichter" ist das Missverständnis, die zwischenmenschliche Blindheit. Der Selfmade-Geschäftsmann Ingo ist gerade dabei, seinen Franchise-Matratzenladen an die Wand zu fahren. Dass sich eine ehemalige Mitarbeiterin in ihn verliebt, kann Ingo in seinem einsamen Selbständigkeitswahn nicht wahrnehmen (Devid Striesow ("Bungalow", "Mein erstes Wunder") wurde für seine tragikomische Atemlosigkeit als Bester Nebendarsteller nominiert). Oder Philip, junger Architekt aus Berlin, der seine frühere polnische Freundin nach Jahren wiedertrifft (August Diehl, "23"). Er macht ihr wieder den Hof - vergeblich: Er sieht nicht, dass er sie seinerzeit der Karriere geopfert hatte. Die Figurenzeichnung in "Lichter" neigt zum Typisierenden. Das wurde in den Berlinale-Rezensionen oft kritisiert. Zu unrecht, denn nicht nur sind diese Typen durchweg adäquat besetzt und gespielt. Regisseur Schmid ("23", "Crazy") balanciert außerdem das Repräsentative der Einzelschicksale mit individuellen Motiven. So klaut Kolja die Kamera nicht nur aus Geldgier, sondern auch, weil er einem Freund Fotos vom fertiggestellten Potsdamer Platz schicken will, den dieser in seiner Zeit als illegaler Bauarbeiter bloß im Rohbau gesehen hatte. "Lichter" verfolgt einerseits den richtigen Ansatz, dass eine Gesellschaft nur von ihren Rändern her zu verstehen ist, vom Gesetz ihrer Ausgrenzungen. Andererseits handelt jeder in "Lichter" als Einzelner, hat einen Spielraum, auch wenn er glaubt, den nicht nützen zu können und betrügen zu müssen. Schmid enthält sich eines abschließenden Urteils darüber, ob die Landesgrenze an den Grenzen zwischen den Menschen schuld ist oder umgekehrt. Er reduziert Moral nicht auf Politik. Deshalb die besondere Trostlosigkeit dieser Schicksale. Zugleich verbürgt aber schon die Existenz eines Spielraums die Möglichkeit von Solidarität. Deshalb der besondere Hoffnungsfunke in diesen Schicksalen. Auch wenn die Protagonisten blind für ihn sind. Jakob Hesler A propos "Lichter": Ekkehard Knörer von Jump Cut geht mit dem Film hart ins Gericht: "Deutlich wird dadurch nur, wie fest Schmid plötzlich an die Möglichkeit von Wirklichkeitsbeschreibung in Form gerundeter Geschichten glaubt. Da war er schon mal weiter." EIne Überreaktion, denn immerhin sind diese Geschichten wie die Gesellschaft komplex verwoben. Die Kritik findet sich hier. Abgewogener und feinsinniger Merthen Wortmann in der Berliner Zeitung. Einen interessanten Artikel zum Grenzthema Polen-Deutschland findet man im taz-Archiv. .
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