 | | Der Mann ohne Vergangenheit, (Mies vailla menneisyyttä), Finnland 2002. R, B, P: Aki Kaurismäki, K: Timo Salminen, T: Jouko Lumme & Tero Malmberg, Schnitt: Timo Linnasalo, D: Markku Peltola, Kati Outinen, Juhani Niemelä, Kaija Pakarinen, Sakari Kuosmanen Verleih: Pandora Film, Bundesstart: 14. November 2002. | | |
Auferstehungen und andere Märchen Mitten in der Nacht erreicht M. Helsinki. Was er vor hat, wissen wir nicht, und auch er wird es noch in dieser Nacht vergessen. Denn M. (Markku Peltola) wird von Taschendieben zusammengeschlagen und versinkt in tiefschwarze Nacht. Er bricht schwer verletzt zusammen, und sein Gedächtnis setzt aus. Im Krankenhaus piepst das EKG das letzte rhythmische Intervall, bleibt dann auf einer Welle hängen und verkündetet den Tod des Patienten. Arzt und Krankenschwester decken ein Tuch über den Toten und verlassen seufzend den Raum. Die Kamera bleibt noch eine Weile - Gottseidank, denn so erleben wir, wie sich M. wieder bewegt und sein Sterbebett verlässt. Einfach so. Klar wird durch diese Szene vor allem Eines: in dieser Filmwelt wird frech auf die Logik gepfiffen, und auch auf transzendentale Beweismanöver à la Spielberg wird genüsslich verzichtet. Nix Traum, nix außerirdisch: die Botschaft von M's charmanter Auferstehung lautet schlicht: er darf noch nicht sterben, denn er hat noch einiges vor. Also reißt er sich die Kabel von der Brust, rückt sich chaplinesk die gebrochene Nase zurecht und geht aus dem Krankenhaus. Seine Vergangenheit lässt er zurück, irgendwo zwischen der Parkbank, auf der er zusammengeschlagen wurde und dem letzten Piepser des EKG. Im Laufe des Films erfahren wir, dass die Vergangenheit angesichts der sich ständig vorwärtsbewegenden Gegenwart sowieso nicht allzu viel bedeutet. Nachdem M. durch die Hilfsbereitschaft einer Familie am Stadtrand von Helsinki langsam wieder zu körperlichen Kräften kommt, zeigen sich die Nachteile seiner psychischen Verfassung in ihrer ganzen Bedeutung. Mangels Erinnerung, Name und Sozialversicherungsnummer muss er ganz bei Null anfangen. Er bezieht eine Blechhütte auf dem Schrottplatz, baut Kartoffeln an und knüpft erste soziale Kontakte. Bei der Heilsarmee verliebt er sich in die ebenso traurige wie zugeknöpfte Irma (Kati Outinen). Von Irmas scheuer Liebe inspiriert, beginnt M. seinen Lebensaufbaukurs, getrieben durch das ehrgeizige Ziel, glücklich zu werden. Unnötig zu erwähnen, dass ihm noch ein paar Hindernisse im Weg liegen. Aki Kaurismäkis neuer Film ist keine Überraschung. Die Handlung bewegt sich ganz klar im gewohnten Koordinatensystem des finnischen Autorenfilmers. Es geht einmal mehr um die sozialen Außenseiter, die unglücklich Gestrandeten, die Verlierer der Haifischgesellschaft. Die Protagonisten kochen ihre Süppchen in verrosteten Töpfen, und ihre stoische Gelassenheit gegenüber den Schwierigkeiten des Daseins verdankt sich einzig der Tatsache, dass sie noch nicht ganz am Ende sind, das noch immer etwas geht: noch ein Bier, ein Rocksong oder, mit ganz viel Glück, ein Kuss von einer schönen Frau. Auch ist der Ton gleich geblieben, mit dem Kaurismäki seine Geschichten erzählt. Der Ton absoluter Verantwortlichkeit für seine Figuren; das Mitgefühl, das er nicht mit den Mitteln des Mainstreamers entwickelt, indem er etwa alle 20 Minuten auf Teufel komm raus unsere sensitiven Nervenbahnen kitzelt und die Tränendrüsen feige überfällt. Kaurismäkis Mittel ist die Lakonie, die vermeintliche Distanz zwischen den Figuren und uns. Seine Helden bewegen sich anders als wir, ein Händedruck wirkt manieriert und gesteuert, die Dialoge sind absurd, ihnen mangelt scheinbar jedes gängige Emotionssystem. Eine Liebesgeschichte findet ihren Anfang, indem der Held sich bei Irma, der Köchin der Gulaschkanone, darüber beschwert, dass die Suppe nicht salzig genug ist. Beim ersten Kuss wirft sie ihm vor, ihr denselben 'gestohlen' zu haben. Kaurismäkis Kunst besteht darin, das Gewöhnliche zum Ungewöhnlichen zu machen und es gerade dadurch glaubhaft werden zu lassen, durch die Versetzung in eine andere Welt, in der die Uhren eben anders ticken - Kaurismäkiland. Die Helden strahlen vor Leben, weil sie bei jeder noch so skurrilen Verrenkung ein Höchstmass an Würde behalten. Sie scheinen nichts von uns, den Zuschauern, zu wollen. Sie lächeln nie und bewegen sich so, als gäbe es kein Kino und kein Urteil über ihre Handlungen. Diese Jenseitigkeit verleiht M. und seinen Vor- und Mitgängern den Charme von modernen Märchenfiguren. Nachdem M. beschlossen hat, sich Arbeit zu suchen, fragt er seinen Nachbarn, der in einer Mülltonne wohnt, nach dem Weg zum Arbeitsamt. 'Das Arbeitsamt?' Der Nachbar lächelt versonnen und blickt in Richtung der untergehenden Sonne. 'Folge einfach dem Schatten des Kirchturms, und dann stehst du direkt davor.' Das ist die Poesie von Kaurismäki, Bilder aus den Randgebieten der Vernunft, Dialoge so zäh und süß wie Karamellschokolade. Johannes Schade A propos Vergangenheit: Altes aus Kaurism&aumkiland in unserem Archiv: die filmtext.com-Kritik zu 'Juha'.
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