 | | Monday, Japan 1999. R u. B: Sabu (Hiroyuki Tanaka), P: Lee Bong-Ou, K: Kazuhiko Sato, S: Kumio Onaga, D: Shinichi Tsutsumi, Yasuko Matsuyuki, Masanobu Ando, Noami Nishida, Ren Osugi. Rapid Eye Movies, 7. Juni 2001 | | |
Ein Mann unter dem Einfluß (von Alkohol) Was macht man, wenn man eines Morgens alleine in einem Hotelzimmer aufwacht und sich nicht mehr daran erinnert, wie man dorthin gekommen ist? Man kramt in seinem Gedächtnis, stellt aber fest, daß man nicht sicher sein kann, ob die vagen Erinnerungen Traum oder Wirklichkeit waren. Also sucht man nach Indizien, Beweisstücken. Die finden sich in Jackett und Hosentaschen, vielleicht als blutverschmierte Visitenkarte unter der Schuhsohle, oder als Pumpgun neben dem Bett. Und wenn das alles ein zu unglaubliches Bild davon abgibt, was man in den letzten 24 Stunden getrieben hat, liest man Zeitung wie einer, der von einem Horrortrip runterkommen will. Aber dort entdeckt man sein eigenes Bild, mit der Knarre in der Hand, und jetzt kann man auch den Fernseher einschalten, in dem gerade eine Liveübertragung von einem Polizeieinsatz zu sehen ist. Schauplatz: ein evakuiertes Hotel, Ziel des Einsatzes: man selbst. Jeder träumt davon, ein anderer zu sein. Viele träumen davon, wie Travis Bickle aus Taxidriver einmal so richtig aufzuräumen. Koichi Takagi, kleiner Angestellter und Anti-Held in Monday, hat nie von so etwas geträumt. Er hat nur aus Angst vor einem Yakuzaboss viel zu viel getrunken und dabei ein paar Dinge entdeckt, von denen er vorher noch nicht wußte, wieviel Spaß sie ihm machen. Frauen beeindrucken, Menschen erschießen. Und gerade weil ihn niemand ernst genommen hat, haben jetzt alle um so größeren Respekt vor ihm. Daß er nur Bösewichte abknallt, erscheint wie ein Zufall, aber irgendwie kommt es einem hier auch so vor, als sei die Chance, daß eine beliebig abgefeuerte Kugel einen guten Menschen trifft, in unserer Welt ohnehin eins zu tausend. Als Takagi realisiert, was er getan hat, macht er sein Testament. Er bedankt sich bei seiner Mutter für das gute Essen, bei seinem Vater für die Spiele, die er mit ihm als Kind gespielt hat. Die Geschwister ermahnt er, daß sie sich um den Hund kümmern, und gibt detaillierte Anweisungen für die Gartenpflege. Es ist Montag, das Wochenende ist vorbei, es muß wieder Ordnung geschaffen werden. Aber es findet sich noch ein Rest Whisky in der Flasche... Regisseur Sabu aka Hiroyuki Tanaka schwelgt auch in seinem vierten Film Monday in einer Melancholie, die knapp vor dem Umkippen in Zynismus ist. Sabus Helden sind einfache, ja beschränkte Menschen, die plötzlich aus ihrem Trott gerissen werden und dadurch zum ersten Mal so etwas wie das wahre Leben kennenlernen. Dabei werden sie so übermütig, daß sie sich sofort für eine gute Sache opfern. Es scheint, als hätten diese Typen nur darauf gewartet, daß ihr Leben einen Sinn bekommt, um es endlich beenden zu können. Sabu hat kein Mitleid mit diesen Spießern, statt dessen läßt er sie einmal aufleuchten und dann verglühen. Er macht sie zu Helden für einen Tag. Takagis Erinnerungsbruchstücke bilden einzelne Episoden, jeweils unterbrochen davon, wie er im Hotelzimmer sitzt und um sein Gedächtnis ringt. In einer chronologischen Erzählung hätten diese sich kaum überzeugend aneinandergefügt. So aber ist jede einzelne ein Juwel, und ihre Skurrilität wirkt keineswegs angestrengt. Wenn die Kamera eine Glasmurmel bei ihrem Lauf über einen Bartresen verfolgt, die schließlich vom rotlackierten Finger einer geheimnisvollen Fremden gestoppt wird, ist die Ironie nicht zu übersehen. Aber die Schönheit der Bilder zieht einen in den Bann, so daß diese merkwürdige Mischung aus Verzweiflung und Leichtigkeit entsteht, wie sie den Coen-Brüdern so gut gelingt. Und seit Pulp Fiction gab es nicht mehr eine bei aller Überzeichnung so schöne Tanzszene wie die Takagis mit der Yakuza-Braut. Die großen Gesten der Darsteller wie auch der Kamera kommen hier mit der angemessenen Beiläufigkeit daher, die jede Ein- oder auch nur Zweideutigkeit vermeidet. Man darf bei Sabu auf keinen tieferen Sinn hoffen. Seine Haltung ist seine Ästhetik, nur manchmal treibt er das alte Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer. Zum Schluß läßt er seinen Helden ein ergreifendes Plädoyer gegen Waffengewalt halten, und man glaubt trotz allem Vorangegangenen für einen Moment an eine Moral der Geschichte. Doch ganz schnell wird einem der doppelte Boden unter den Füßen weggezogen, und man gibt schließlich alle Verstehensversuche auf. Wie erleichternd. Dirk Schneider A propos "Monday": Die wichtigsten Infos zum Thema findet ihr unter http://www.monday.co.jp/. (der ideale Partner für den notwendigen Umzug am Montagmorgen) und http://www.tanaka.co.uk/ (die Familienseite der Großfamilie Tanaka).
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