Mulholland DriveMulholland Drive - Strasse der Finsternis, (Mulholland Drive), USA 2001, 147? Min. R & B: David Lynch, S: Mary Sweeney, K: Peter Deming, M: Angelo Badalamenti, P: Pierre Edelman, D: Justin Theroux, Naomi Watts, Laura Elena Harring, Dan Hedaya, u.a.
Concorde, 3. Januar 2002

Die Autoren im Kino-Foyer, ratlos

: Was war das? Nacherzählen kann man es auf jeden Fall nicht.

: Konnte man je einen Lynchfilm nacherzählen? O.K., 'Straight Story' ausgenommen. Wie immer geht es um den Horror, den inneren. Der aber - ebenfalls wie immer - sehr stilisiert, um nicht zu sagen gestelzt daherkommt. Lynch, Kafka, Lynch? Anderes Thema.

: Doch nicht Kafka. Der erzählt ganz schlüssig weiter, anhand einiger weniger merkwürdiger Voraussetzungen. Und dann wird es unangenehm. Jemand wacht auf als Käfer und kämpft fortan mit Nahrungsaufnahme und väterlicher Mißgunst. Oder jemand wird ins Schloß bestellt und erhält von Beginn bis Ende doch keinen Zugang. Wer den Anfang geschluckt hat, kommt durch alles Weitere nicht mehr ins Schleudern. Lynch dagegen springt jäh aus den selbstgesetzten Bedingungen. Dann bringen so kindische Motive wie kleine, blaue Zauberwürfel die ganze Erzählrichtung zum Kippen. Das ist geschmäcklerisch und ärgert, weil ständig Spannungsbögen zusammenbrechen. Mich hätte die Leidenschaft zwischen der 'Frau ohne Erinnerung' und der scheinnaiven Jungschauspielerin noch viel länger interessiert. Stattdessen plagt Lynch einen mit irgendwelchen Hinterhofmonstern, Leichenfäule und häßlichen, mächtigen Rentnern im Rollstuhl.

: Es geht eben nicht nur um Sexualität, sondern um Abhängigkeit. Und die ist durch und durch ödipal: Zuerst die kindliche Abhängigkeit der unfallgeschockten Rita von den Fragmenten ihrer Erinnerung, dann die rasende Eifersucht der hochgradig depressiven Betty auf den Regiesnob - von Anfang bis Ende zieht sich unausgesprochen ein Faden: die Macht des Vaters. Und gerade weil der unsichtbar, unfaßbar bleibt ('The Cowboy'?), wirkt diese ödipale Struktur so stark. Die lesbische Liebesgeschichte wirkt gezwungen, unrealistisch. Irgendwann dreht sich ja das Verhältnis der beiden Frauen zueinander, voneinander geradezu um ins Gegenteil. Ohne Begründung, nur durch Mutmaßungen erklärbar - Spekulationsfläche.

: Krücke 'Traumlogik' - eklig. Grundlos bis ins Willkürliche. Die Figuren sind keine Träger ihrer Entscheidungen oder einer psychologischen Disposition. Und genau deshalb sind sie auch keine Handelnden. Lynch ist ein Stiefvater, der Identitäten nach Gusto manipuliert. Er ist kein Beobachter menschlicher Untiefen, wie es lobend heißt, sondern Ausstatter im Popmuseum. Soll er doch den nächsten Michael Jackson Clip drehen, da hat er den häßlichen, mächtigen Rentner im Rollstuhl. In echt.

: Pop. 'The Cowboy', Rentner im Rollstuhl, Mafiacholeriker, Männer in Gorilla-Anzügen. Sind das Lynchs Vorstellungen von Pop? Ist das surreal? Oder ist das nicht letztlich eigenbrödlerisch Abseitiges, sind das nicht unausgegorene Privatfantasien? Das wäre halb so schlimm, wenn es nicht jedes mal wieder in den Mantel des Bedeutungsschwangeren gehüllt würde. Nicht das Geheimnisvolle, nicht das Mysteriöse, nicht der Horror sind Lynchs inszenatorische Vergehen, sondern die Verknüpfung all dessen mit Hobby-Psychologie.

: Genau da will Lynch uns haben. Wir sollen suchen, wo gar nichts versteckt ist. Das ist Pädagogeneitelkeit. Die einzigen Szenen, die ich mir gerne angeschaut habe, sind die Hollywoodpersiflagen. Da bekennt er sich zum vordergründigen Klischeespektakel und das beherrscht er ja. Außerdem ist es lustig, wenn das Servieren eines Espressos oder das Öffnen eines DKNY-Täschchens zum Minikrimi wird. Aber der ganze Wust aus Hinterweltandeutungen ist noch nicht einmal besonders phantasievoll. Und bitteschön, die Lynch'sche 'atmosphärische Dichte' hat sich ja wohl erledigt mit dieser taumeligen Schuß-Gegenschußkamera, vorgeschnalltem Schmierfilter und dräuendem Offgeblubber. Nee, nee, nich mit uns.

Es gruselten sich Achim Wiegand und Urs Richter

A propos "nich mit uns":

Feinsinnigeren Geistern erschließt sich das Lynchsche Universum durchaus. Unser Leser Markus Brunner hat uns geschrieben, wie:
"So sinnlos, wie ihr denkt, ist der Film gar nicht. Natürlich geht es Lynch darum, die Zuschauer zu verwirren, aber nicht um des Verwirrens willen. Die Story hat wirklich einen Plot. Der ganze erste Teil ist ein Traum. Er beginnt mit der ersten Einstellung nach dem Vorspann, dem Eintauchen der Kamera in ein Kissen. Und er endet mit dem Öffnen der Bluebox, als der Cowboy sagt: "Wach auf!". Danach beginnt die reale Story mit vielen Rückblenden. Echtzeit ist eigentlich nur ab der verheulten Sullivan bis zum Selbstmord.So ist der Film ein Lehrstück der Traumarbeit, mit seinen Verdichtungen und Verschiebungen, in der Tagesreste und unbewusste Triebregungen verarbeitet werden. Der Film ist genial, da eben nicht einfach surreale Szenen aneinander montiert werden, sondern der Plot ganz vertrackt doch seine Logik besitzt. Viel Spass beim nochmaligem Schauen. Es lohnt sich..."



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