Nora
UK 1999, R: Pat Murphy, P: Bradley Adams, Damon Bryant, Tracey Seaward, K: Jean François Robin, D: Susan Lynch, Ewan Mc Gregor

Hier geht es um Leidenschaft, sexuelle Obsessionen, um den Mythos der ganz großen Liebe. Und es geht um Frauen an der Seite von großen Männern, genauer von Künstlern. Nora und Joyce treffen in Dublin aufeinander, gehen miteinander ins Bett, fliehen dann nach Italien. Dort rackert Joyce sich ab seine Familie mit Sprachunterricht und ersten literarischen Gehversuchen über die Runden zu bringen. Und schnell gibt es Probleme, an die sich die Kamera gnadenlos ranzoomt.

Der Film interessiert sich weniger ernsthaft für Joyce als Künstler, da genügen einige bekannte Posen, sondern fokussiert sein Interesse auf die Beziehungsproblematik zwischen Joyce und Nora. Was wir ziemlich schnell kapieren: etwaige intellektuelle Unausgewogenheiten kittet das Paar im Bett. Sex als Garant von Übereinstimmung. Nora ist die gierige Vollblutsfrau, sie ist sexuell aggressiv, ein wahres Naturwesen. Ihr dionysischer Körper bildet den Gegenpol zu Joyce´s patriarchaler Welt der Sprache und Begriffe. Doch Joyce versinkt schnell im Morast der Ekstase. Immer mehr verheddert er sich in erdachter Eifersucht und dem zweifelhaften Begehren auch wirklich betrogen zu werden. Das Leben als Übungsplatz für die Literatur. Nora, die keine zweite Emma Bovary werden will, flieht zurück zu ihren Eltern, von wo sie in einem phänomenalen Schlußauftakt zurückerobert werden muß. Anders als im typischen Film-Noir oder ähnlichen Genre-Mustern, wie zum Beispiel in Polanskis "Bitter Moon" und Bertoluccis "Ultimo Tango a Parigi", bleibt die gelebte Obsession hier ungestraft und das finale Bild kann lebende Liebende im Abendrot zeigen.

Das Biopic "Nora" beruht auf der Standardbiographie von Brenda Maddox zu Joyce, reduziert aber den narrativen Rahmen auf die Jahre 1904-1914. Eine Entscheidung, die wohl vor dem Hintergrund der Beziehungskrise getroffen wurde. Die späteren Jahre von Joyce hätten einen anderen Film ergeben, der nicht mit rotgoldenem Schlußlicht möglich gewesen wäre: Seine Schwester wurde geisteskrank und er selber verlor nach und nach ziemlich tragisch seine Sehkraft, bettelarm war er sowieso. Insofern ist "Nora" ein Film, der in jeder Beziehung zu kurz greift: inhaltlich wie formal an der Kitschgrenze, bedient er nur einen Mythos wirklich gut: die Beziehungsklischees von der Frau und dem Künstler, denn was die Joyce-Biographin noch kritisch sah, verkommt im Kino zu der ewig gleichen Ansicht über den Künstlermann: Seine Exzentrik und Sensibilität werden zur Entschuldigung für jegliche Verfehlungen.
So bleibt zu befürchten, dass "Nora" ein typischer Film für das stets nachsichtige, romantisch veranlagte Pubkikum werden wird.

Stefanie Maeck




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