O brother where art thou?
Joel Coen, USA 2000

Es gibt ein Problem, auf das man beim Filmekritisieren immer wieder stößt. Ein Problem des journalistischen Anstands - beziehungsweise der journalistischen Eitelkeit: die zentrale Einsicht über einen Film oder Regisseur hatte schon jemand anderes, das, was über ihn definitiv gesagt werden muß, ist schon gesagt worden - und womöglich in besonders treffenden Worten. Darf man, muß man das wiederholen? Außerdem will man ja nicht einfach aus Presseheften abschreiben wie ein Mopo-Kritiker. Andererseits: was wahr ist, ist wahr. Das Unbehagen am gern sich verselbständigenden Stilwillen der Coen-Brüder steht nun weder in der Mopo, noch im Presseheft, und es trifft, also beginne ich meine Kritik mit dieser Kritik, die schon vor zehn Jahren geäußert worden ist.

Ihr neuer Film ist eine Road-Komödie über drei Knastbrüder auf der Flucht. Sie sind auf der Suche nach einem "Schatz", der Beute aus einem Überfall, die ihr Anführer Everett Ulysses McGill bei sich zuhause versteckt hat. Das Wort "Schatz" anstatt Beute deutet schon an, womit man es zu tun hat: "O brother where art thou" ist ein Schelmenroman, ein Märchen, ist eigentlich ein Kinderbuch, dessen Figuren und Handlungen in der Einfachheit eines Comics gezeichnet sind. Die satte erdige Optik in Farbe und Licht, die stimmige Ausstattung der US-amerikanischen Provinz der 1930er, der schöne Folk-Soundtrack: alles ist geschmeidig-gefällig gemacht, aber irgendwann beginnt man sich zu fragen, was die Brüder uns eigentlich erzählen wollen. Freundliche humorige Grundstimmung, der man eigentlich nicht trauen sollte. Im Gegensatz zum Beispiel zur ähnlich temperierten "Straigtht Story" von Lynch.

Der Zweitname des Helden ist Ulysses (in dieser Rolle sorgt übrigens George Clooney für Marketing-Mehrwert): die Anlehnung an das Epos der odysseischen Abenteuer, an ihre Sirenen und Einaugen sowie ihre Moral des "Mutti kocht am besten" wird man allerdings wohl kaum als beeindruckend tiefsinniges Manöver werten, sondern eher als dünnes strukturelles Witzchen für all uns selbstzufriedene Halbgebildeten. Schön wird es bei Coens immer dann, wenn liebevolle Figurenzeichnung in situative Groteske implodiert. Was "Fargo" so unwiderstehlich machte, findet man hier nur einmal, in der Sirenen-Episode wieder: Pete, einer der Streuner - notorisch: John Turturro - wird von unwirklich berückendem Frauensang vom Weg ab und in die Wälder gelockt, wo drei Nymphen im Fluß ihre Unterwäsche waschen.

Sie umgarnen das Trio und geben ihnen zu trinken aus einer riesigen Buddel, auf der "xxx" steht. Als die Männer aus dem Rausch aufwachen, sind die Nymphen weg, und mit ihnen Pete. Bloß seine Kleider sind noch da, aus denen man eine Kröte kriechen sieht. Hat sich Pete nun verwandelt? oder nicht? Daß man dem Film von dieser Episode aus eine Zeit lang jede Absurdität zutraut, ist ein gutes Zeichen. Es bleibt leider unerfüllt. Es bleibt vielmehr: die endlos ausgelutschte rhetorische Brillianz von Ulysses versus die Dummheit der beiden anderen. Oder eine Wahlkampf-Handlung, deren Anspielungen auf moderne Sitten völlig plump sind, "in Amerika ist ja schließlich Wahlkampf", wie man so sagt. Und ein paar gelunge komische Momente. Frei nach dem Werbespruch des bekannten coffee shops in der Schanze: Reingehen, lachen, rausgehen. Und sich auf den nächsten Coen-Film freuen.

Jakob Hesler



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