Pecker
John Waters, USA 1998

Es wird sich sicherlich niemand klaren Verstandes zur kühnen These aufschwingen, daß John Waters Filme jemals von subversiver Gefährlichkeit gewesen seien. Dennoch darf man seinen frühen Werken undisputierlich eine durchaus beachtliche Ausdehnung der cinekompatiblen Fäkal-, White Trash- und Kitschschmerzgrenze zuerkennen. John Waters ist beziehungsweise war die bad taste Retourkutsche auf Siegfried, Roy und Musikantenstadl, die "Negation der Negation", wie ein gewiefter Dialektiker in unserm Freundeskreis sich auszudrücken beliebt.

Mit 'Pecker' nun gedenkt sich Waters zum ersten Mal in sogenannter konstruktiver Kritik zu betätigen. Sein Spaß am Zerstören mündet nicht in heillos private Anarchie, sondern präsentiert uns ineins einen denkbaren Alternativentwurf zu jenem Gesellschaftsausriß, der in 'Pecker' Objekt des Spottes wird: die New Yorker Art Gallery- und Feuilletonszene nämlich - sie wird einem pädagogisch lehrreichen Landausflug unterzogen.

Von dort, vom Lande also, stammt der Held samt Freundin und Familie: Pecker, ein gerade volljähriger Bullettenbrater, der spontanen Milieuphotographie zwar rein hobbymäßig, aber nicht weniger leidenschaftlich zugeneigt und gespielt von Edward Furlong, der an Knuddeligkeit dem jungen Michael J. Fox in nichts nachsteht. Das harmlose und von Mama, Papa, Oma, Nachbar, Schwester, Chef und Freund und Freundin, kurz - von der kompletten peer group mit Wohlwollen bedachte Hobby wird mittlerer Ernst, als Pecker von einer Abgesandten der vorhin erwähnten New York Clique entdeckt, gekauft und vermarktet wird. Eine Kunstagentin bringt zuerst seine Photos zur Vernissage, danach seine moralische Integrität in Versuchung.

Pecker entscheidet sich nach kurzem Wanken gegen das Starsein, für die Familie und verpaßt seinen fadenscheinigen Entdeckern eine Lektion in Sachen bodenständiger Loyalität. Soweit, so harmlos, so überflüssig. Waters erzählt den etablierten Bildungsroman, in dem niemand jemand wehtut und am Ende alle ihre individuelle Lehre gezogen haben, im Gewande sozialkritisch gefärbter Slapstick, die leider viel zu selten ihre rhythmische und thematische Betulichkeit verliert. Dem Spott auf die Urbanität fehlt aller Biß, der Apologie des Provinzialismus alle Selbstironie. Und wirklich seriös ist sie auch nicht gemeint, das setze ich voraus. Für alle, die John Waters seiner anderen Filme wegen kultisch verehren, ist 'Pecker' mit Sicherheit eine Enttäuschung, für alle anderen gibt es keine Entdeckung zu machen (außer vielleicht, daß Lili Taylor eine wirklich variantenreiche Schauspielerin ist und Cindy Sherman auch im Film so knackig aussieht, wie auf manchen ihrer Photos).

Urs Richter



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