 | | Der Pianist, F/D/PL/GB 2002. R: Roman Polanski, B: Ronald Harwood, nach Memoiren von Wladyslav Szpilman, K: Pawel Edelman, T: Jean-Marie Blondel, Schn: Herve de Luze, M: Wojciech Kilar, Pr: Robert Benmussa, Alain Sarde, D: Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Frank Finlay, Maureen Lipman Tobis StudioCanal, 24. Oktober 2002 | | |
Kein Polanski Roman Polanski erzählt eine wahre Geschichte aus dem Warschauer Ghetto. Eine Geschichte vor dem Ghetto, in ihm, aus ihm heraus, nach ihm. Die gutgestellte jüdische Familie Szpilman nimmt den drohenden deutschen Hass nicht ernst genug. Sie wird ermordet. Nur der Sohn Wladyslaw (Adrien Brody), ein bekannter Pianist, überlebt die Zwangsarbeit, entkommt den Transporten, flieht aus dem Ghetto, übersteht den bitteren Winter. Früher wollte er nicht mit der jüdischen Hilfspolizei kooperieren, in der sich Opportunisten den Nazis andienten und ihresgleichen mit Stöcken traktierten. Jetzt kriecht er wie ein Tier durch rauchende Ruinen und wartet auf die Russen. Währenddessen wird er von einem deutschen Besatzungsoffizier mit Lebensmitteln versorgt. Ohne ihn würde er verhungern. Diese Figur wurde dem Film in polnischen Medien vorgeworfen. Als könnten Reminiszenzen menschlichen Verhaltens das totale Verbrechen irgendwie aufwiegen. Dabei muss man nicht einmal darauf verweisen, dass hier eine wahre Geschichte erzählt wird. Die Wahrheit seiner Geschichte verbürgt noch lange nicht die Wahrheit des Films: ihre Auswahl könnte tendenziös sein. Es genügt, dass die Geschichte, ja: gut erzählt ist. Und das heißt hier: im Sinn der Opfer. Soweit das möglich ist. Vom unbeschwerten Anfang über den Aufstand bis zur Perversion des Weiterlebens, zur schleichenden Normalisierung nach dem Krieg. Der Offizier ist nicht einfach ein Guter unter den Schlechten. Die Begegnung wird nicht zur geheimen Freundschaft hochstilisiert. Der Deutsche ruft Wladyslaw mit dem Wort "Jude!" aus seinem Versteck und gibt ihm zu fressen wie einem bemitleidenswerten Straßenköter. Die Hierarchie zwischen den beiden bleibt immer klar, kann sich aber für Augenblicke schlagartig ins Gegenteil verkehren. Als sie sich zum ersten Mal treffen, lässt der Offizier Wladyslaw auf einem Flügel spielen, um nachzuprüfen, ob er tatsächlich ein Pianist ist. Seit Jahren das erste Klavier - völlig verwahrlost, abgemagert, entmenscht sitzt Wladyslaw davor mit leeren Augen. Und aus der Erniedrigung wird ein Triumph. Chopin natürlich, der bilderbuchmäßig gebildete deutsche Offizier sehr gerührt. Ganz ohne Klischees, ohne kulturelle Versatzstücke geht es nicht Doch das spricht nicht im geringsten gegen "Der Pianist". Die kluge Regie inszeniert diese Geschichte mit völlig konventionellen, unspektakulären, durchschnittlichen Mitteln in der Weise eines emotionalen Historienfilms. Man meint, alles schon einmal gesehen zu haben und ist dennoch vom Naziwahn entsetzt wie beim ersten Mal. Es zeugt von Takt, dass Polanski hier auf vordergründig individuelle Handschrift oder auf übertriebene Durchstilisierung (siehe Spielberg) verzichtet. Der Regisseur glaubt, "Der Pianist" sei sein persönlichster Film. Es ist aber kein Polanski-Film. Dem Urheber von so etwas wie "Bitter Moon" hätte man ihn nicht zugetraut. Persönlich ist der Film für Polanski, weil er, dessen Karriere bekanntlich in Polen begann, dort als Kind selbst nur knapp dem Konzentrationslager entronnen ist, in dem seine Mutter ermordet wurde. Als Spielberg "Schindlers Liste" projektierte, hat er Elemente aus Polanskis Biographie, aus dessen Kindheit im Krakauer Ghetto verarbeitet, ihn sogar um Übernahme der Regie gebeten. Polanski hat damals abgelehnt, weil ihm das Material zu persönlich schien. Er hat auf eine andere Gelegenheit gewartet und nun die Autobiographie eines Fremden verfilmt. Die Distanz erst ermöglicht das Persönliche. Jakob Hesler A propos Handlungsspielräume im Nazikrieg: Der deutsche Offizier, der Szpilman das Leben rettete - er heißt WilmHosenfeld - ist einer der wenigen, aber durchaus existenten Fälle vonMenschlichkeit auf Seiten der Täter. Er wird neben neun anderen ineinem Sammelband von Fallstudien dargestellt. Erschienen ist das Buchim Fischer Taschenbuch Verlag: Retter in Uniform. Handlungsspielräumeim Vernichtungskrieg der Nazis (Herausgeber: Wolfram Wette. 247 S.,Euro 13,90). Eine knappe Besprechung findet sich beim österreichischen Rundfunk. Szpilmans Autobiographie ist bei Econ erschienen unter dem Titel 'Das wunderbare Überleben. Warschauer Erinnerungen 1939-1945' (232 S., Euro 12,95; inzwischen als Buch zum Film auch broschiert). Und Ausschnitte von Hosenfelds Tagebüchern finden sich bei texthalde.de (unter Punkt II).
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