 | | Panic Room, (Panic Room), USA 2002. R: David Fincher; B: David Koepp; K: Conrad Hall, Darius Khondji; S: James Haygood, Angus Wall; D: Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Jared Leto. Columbia Tristar, 18. April 2002 | | |
Auf engem Raum David Finchers neuer Film "Panic Room" komprimiert die Regeln des Genres "Einbruch Thriller" auf ein Minimum. Mehr als zehn Minuten braucht er nicht, um seine Figuren und den Ort der Handlung einzuführen. Eine Mutter (Jodie Foster) zieht mit ihrer zuckerkranken Tochter in ein riesiges Haus in Manhattan. Herzstück des Anwesens ist der so genannte Panic Room, ein einbruchsicherer Raum, in dem sich neben ein paar Survivalkits ein Videoüberwachunssystem befindet, das fast alle Räume des Hauses abdeckt. Eines Nachts brechen drei Männer ein, Mutter und Tochter fliehen in den Panic Room, und es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den eingesperrten Frauen und den Männern draußen, die etwas haben wollen, was sich in einem versteckten Safe im Panic Room befindet. So eng die Slalomstangen der Handlung auch gesteckt sind, gelingt es Fincher doch, diesem Minimalplot seinen ganz eigenen Stil zu verpassen. Wenn man bei ihm auch kaum von Autorenkino europäischer Prägung sprechen kann, besitzen seine Werke eine unverwechselbare Handschrift, einen Fincher-Touch. Zuerst wäre da das absolute Primat des Visuellen, Finchers beständige Suche nach spektakulären Kamerafahrten und Einstellungen, mit denen der filmische Raum in Szene gesetzt wird. Hauptfigur in "Panic Room" ist denn auch das Haus selbst, das wie in den besten Gothic-Horror-Movies ein sehr dynamisches Eigenleben entwickelt. In allen vertikalen und horizontalenRichtungen wird es ausgelotet; Mauern, Decken, Gegenstände stellen keine Hindernisse für die Kamera dar. Ein großer Teil der Spannung entsteht aus der erstaunlichen Kontrolle über den filmischen Raum, die es Fincher erlaubt, die Bewegungen der einzelnen Akteure präzise zueinander in Beziehung zu setzen. Aber nicht nur dem sichtbaren Raum, auch den verborgenen Systemen,den Leitungen und Kanälen, den Telefonen, Lüftungsschächten und Kabeln, die den hermetischen Panic Room mit der Außenwelt verbinden, nimmt Fincher ins Augenmerk. Immer wieder zoomt die Kamera durch kleinste Öffnungen, rast Kabelbündel entlang und zwängt sich in enge Schächte. Fincher gelingt es dabei, seinen Hang fürs visuell Besondere auf der Handlungsebene plausibel zu machen, denn die Interaktion zwischen Drinnen und Draußen kreist schließlich größtenteils um diese Systeme. Wie schon in "Sieben" und zuletzt in "Fight Club" entwirft Fincher also ein geschlossenes visuelles Universum, in der keine Einstellung aus dem Rahmen fällt. Es ist eine entropische Welt der mangelnden Kontraste und bräunlich-bläulichen Farbtöne. Wo in "Sieben" und "Fight Club" ewiges Dämmerlicht vorherrscht, spielt sich in "Panic Room" alles in einer regnerischen Nacht ab. Wasser spielt überhaupt eine große Rolle bei Fincher, als das Medium, das die letzten Barrikaden zwischen Innen und Außen durchdringt. In "Fight Club" hat es längst alle Räume der Hauptprotagonisten durchdrungen, in "Panic Room" gemahnt es als unaufhörlicher Regen an die Porosität aller sicher geglaubten Rückzugsorte des Privaten. Spannend ist diese entropische Entdifferenzierung aller Räume und Figuren auch in geschlechtsspezifischer Hinsicht. Die in "Alien 3", "The Game" und "Fight Club" entworfenen Welten sind immer männerdominiert, Frauen tauchen nur am Rande auf, als letzte, immer ambivalente Wärmespender wie etwa Deborah Unger in "The Game" oder Helena Bonham Carter in "Fight Club". Die Männer haben ihrem eigenen Verschwinden letztlich nur leere, meist gewalttätige Rituale entgegenzusetzen. Die Faustkämpfe, die in "Fight Club" die Funktion haben, die unter den gleich machenden Business-Anzügen verschwindenden Differenzen wiederherzustellen, führen jedoch letztlich zu faschistischer Uniformierung. Wie das titelgebende Spiel in "The Game" funktioniert die regelgeleitete Inszenierung blutender Körper als sinnstiftendes Ritual in einer toten Welt. Kurz vorm Verschwinden aus den leeren, bläulich-schimmernden Korridoren seiner erstarrten Manager-Welt, erhofft sich auch Michael Douglas vom riskanten Spiel mit dem Tod ein Zurückgewinnen seiner Identität, nur um sie am Schluss vollends zu verlieren. Auch in "Panic Room" erhält der Einbruch den Charakter eines ritualisierten Spiels für echte Männer. Wäre doch gelacht, wenn man nicht in das Reich der Frauen eindringen könnte! Eindringen, gleich machen, auslöschen, das ist auch hier die zentrale Männerfantasie. Nur, dass den drei Kerlen mit Jodie Foster und ihrer Tochter diesmal zwei starke Frauenfiguren gegenüber stehen, die der negativen Energie standhalten, allerdings um einen Preis. Um sich zu behaupten, muss zumindest Jodie Foster sich aufs maskuline Muskelspiel einlassen und der Gewalt bedienen. Auf der anderen Seite funktioniert Forest Whitaker als zunehmend ambivalenter Grenzgänger zwischen Männer- und Frauenwelt, der schließlich seine feminine, fürsorgliche Seite entdeckt. Mag im Finale auch das Böse ganz genregemäß in seine Schranken gewiesen werden, in seiner äußerst gewalttätigen, fast splatterhaften Inszenierung beweist es noch einmal Finchers anarchische Handschrift. Mehr als für die Wendung zum Guten interessiert er sich für die Darstellung männlicher Impotenz. Eines der eindrucksvollsten Bilder findet sich kurz vor Schluss. Der zu Hilfe geeilte Exmann Jodie Fosters, der für kurze Zeit noch einmal eine rein männliche Regelung der Angelegenheit in Aussicht stellte, ist inzwischen zu einem kaum mehr erkennbaren Klump gehauen worden. Zurecht gerückt in einem Stuhl und mit einer an seine Hand geklebten Waffe versehen, erinnert er an den halbtoten Großvater der rein männlichen Schlachterfamilie aus "The Texas Chainsaw Massacre". Eine grausig-schöne Karikatur patriarchaler Macht, der nicht einmal das Einzige gelingt, wofür sie bei Fincher noch gut ist: töten. Volker Hummel
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