 | | Perfect Blue, Japan 2000. R: Satoshi Kon, B: Sadayuki Murai, Roman: Yoshikazu Takeuchi, S: Harutoshi Ogata, M: Masahiro Ikumi, AD: Nobutaka Ike, P: Hiroaki Inoue, Masao Maruyama. Rapid Eye Movies, 6. Juli 2000 | | |
Wer bin ich? Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten heißt längst nicht mehr USA, sondern Japan. Und auch im Showbiz herrschen hier andere Dimensionen als im Rest der Welt. Nirgends werden Sternchen in kürzerer Zeit zu Stars und verglühen wieder. Für die japanische Jugend ist das Wort Idol mehr als eine Metapher, und auch die Fanatiker sind hier keine einfachen Fans, sondern sogenannte Otakus, die mit Fanzines und Homepages versorgt werden, die auch noch das unwichtigste Detail des Idols zum Thema machen und die Verschmelzung mit dem Objekt der Anbetung in greifbare Nähe rücken. Auch Mima ist als Leadsängerin der Band "Cham" mit billigem Tralala-Pop auf dem Weg zum großen Ruhm. Sie weiß aber auch um dessen Vergänglichkeit und verabschiedet sich von der Bühne, um Karriere beim Film zu machen. Allerdings zum Missfallen vieler "Cham"-Otakus. Und Film-Biz und Pop-Biz scheinen in Japan verfeindete Welten zu sein. Beim Film weht jedenfalls ein anderer Wind. Hatte Mima als Sängerin die Chance, mit ihrem Image als fröhliches, unschuldiges Mädchen Karriere zu machen, schafft sie den Durchbruch hier erst nach einer Vergewaltigungsszene, die von Regisseur Satoshi Kon quälend lang in Szene gesetzt wird, wenn sie bei den Film-im-Film-Dreharbeiten wiederholt werden muss. Sie kommt einem Initiationsritus gleich, und wenig später werden Nacktfotos von Mima veröffentlicht werden. Das ruft Mi-Maniac auf den Plan, einen Mima-Otaku, der über ihren Austritt aus der Band nicht hinweg kommt. Er führt eingebildete Gespräche mit der wahren Mima, die in seiner Phantasie immer noch im rosa Kleidchen über die Bühne schwebt, und verspricht ihr, die falsche Mima aus dem Weg zu schaffen, was eine ziemlich blutige Angelegenheit wird. Aber auch Mima sieht plötzlich in ihrem Spiegelbild ihr altes Konterfei, das seinen Spott über das karrieregeile Starlet auskippt. "Ich bin ein Popstar und alle himmeln mich an", ruft es, "und du bist schmutzig und verdorben". Gleichzeitig existiert eine Internetseite, auf der sämtliche Details aus Mimas Alltag veröffentlicht sind, ohne dass Mima sie irgendjemandem mitgeteilt hätte. Kann der Zuschauer aufgrund der geschickten Schnitte von Anfang an nicht zwischen den Realitätsebenen des Films unterscheiden, gerät Mima jetzt in eine echte Identitätskrise. Ihr öffentliches Bild überholt sie, sie weiß nicht mehr, wer sie ist, und ob es nicht vielleicht nur noch das mediale Bild von ihr ist, das die eigentliche, die selbständige Existenz führt. Das wird effektvoll dadurch verstärkt, dass Mima in einem Thriller namens "Double Bind" eine junge Frau mit Persönlichkeitsspaltung spielt. Diese wird schließlich Mimas Agentin attestiert werden. Sie war früher selbst einmal Teenieidol und war gegen Mimas Ausverkauf beim Film. Sie wollte ihren alten Traum in ihrem Schützling weiterträumen und hat Mi-Maniac in die Welt gesetzt. Es ist allerdings offensichtlich, dass diese oberflächliche Erklärung nur ein Zugeständnis an ein Happy End ist, das an den Film angepappt wurde. Dass die Agentin lediglich Mimas gealtertes Alter Ego und Mima selbst durch ihre Kariere nachhaltig gestört ist, liegt auf der Hand. Dabei erfährt nicht einmal der Zuschauer annähernd, wer Mima wirklich ist, und darum geht es auch nicht. Sie ist ein durchschnittliches junges Mädchen, und ohnehin ist der Zuschauer nach dem Film doch erst einmal damit beschäftigt, sich selbst wiederzufinden. Dass dieser Film, fast ein klassischer Psychothriller, als Anime, also Animationsfilm inszeniert ist, ist selbst für japanische Verhältnisse ungewöhnlich. Auf den ersten Blick hätte man ihn genausogut und vielleicht sogar mit weniger Aufwand mit Schauspielern drehen können. Auf den zweiten Blick lebt "Perfect Blue" aber gerade von der Spannung zwischen der Trickfilm-Niedlichkeit seiner Figuren, die sich aber hart am Realismus befinden, sowie der holprigen Animation ("Perfect Blue" ist ein B-Movie und war ursprünglich nur für den Video-Markt konzipiert), und der Ernsthaftigkeit und Brutalität der Thrillerinszenierung auf der anderen Seite. Roger Corman war von diesem Film begeistert und hat gesagt, so etwas wäre herausgekommen, wenn sich Disney und Hitchcock zusammengetan hätten. Von Hitchcock ist in "Perfect Blue" sehr viel, von Disney aber bis auf die Tatsache der Animation überhaupt nichts zu finden. Dirk Schneider
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