 | | Playtime, F 1967. R+B: Jacques Tati; B: Art Buchwald,Jacques Lagrange; K: Jean Badal, Andréas Winding; M: Francis Lemarque, James Campbell; D: Jacques Tati,Barbara Dennek,Rita Maiden,France Rumilly,France Delahalle, Valérie Camille,Erika Dentzler,Nicole Ray,Yvette Ducreux,Nathalie Jem,Jacqueline Lecomte u.a.
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Macht euch die Häuser untertan Der dritte Hulot, der radikalste und schönste, beginnt mit einer sehr langen Einstellung von einer weitläufigen Halle in einem Terminal des Flughafens Paris Orly. Vorn eine Sitzecke, eine Dame redet auf einen Herrn ein. Weit im Hintergrund starren vereinzelte Damen durch die Glasfassade aufs Rollfeld. Dazwischen schreiten, stöckeln, tapsen verschiedene Figuren durchs Bild: ein Offizier, eine Krankenschwester, ein dicker Fluggast. Eine Choreographie sozialer Äußerlichkeit im öffentlichen Raum, manieriert, langsam und köstlich. Marthaler muss Tati-Fan sein. Die Kamera folgt nun einer Gruppe amerikanischer Touristinnen. Sie werden in ein anonymes Viertel chauffiert, in dem sich der Rest des Films abspielen wird, ein grau-in-graues Alphaville, dessen durchdesignte Hochhausriegel noch futuristischer wirken als Orly. Aber wo ist Monsieur Hulot? Nirgends und überall ist er in ''Playtime'' (1967). Tati hält uns lange mit merkwürdigen Doubles zum Narren. Endlich steigt dann doch noch das Original aus einem Bus. Endlich Slapstick - der sprichwörtliche Regenschirm verhakt sich in dem eines anderen Fahrgasts, auch er ein Doppelgänger. Doch so, wie Hulot sich in dieser Welt für einen Tag und eine Nacht verirren wird, werden auch wir ihn immer wieder aus den Augen verlieren. Slapstick ist eine Technik, die das Funktionieren der Welt lustvoll in Situationen des Nichtfunktionierens entblößt. ''Playtime'' geht weiter und entlarvt durch freches Spiel mit der Zuschauererwartung die Funktion der Komikerfigur selbst. Hulot will eigentlich nur in einem hypermodernen Bürogebäude einem immer beschäftigten, immer flüchtigen Manager ein Schriftstück übergeben. Was genau, bleibt unklar. Einen Empfehlung(s)sbrief? Damit der ewig Beruflose nach der geplatzten Anstellung bei seinem Schwager in ''Mon Oncle'' (1958) endlich einen Platz findet in der bürgerlichen Gesellschaft und ihren modernen Zeiten, was ja der kleinste gemeinsame Nenner der großen Komiker ist? Vielleicht. Bald vergisst Hulot den Plan und stolpert ziellos durch das Viertel. ''Playtime'' verweigert Plot und Motive. Kein Wunder, dass der Film seinerzeit finanziell floppte. Zumal der technikversessene Tati ihn kaum kostspieliger hätte produzieren können (70mm, 6-Kanal-Ton). Die Verweigerung setzt sich in dieser Komödie der Distanz auch stilistisch fort. Ein Film ohne Close-ups, dem Komposition wichtiger ist als Psyche, dessen reichhaltige Tableaux diesseits einer subjektiven Perspektive entziffert sein wollen. Sprache wird dabei folgerichtig zum sozialen Geräusch. Sofern überhaupt verständlich, ist sie ein mehrsprachiges Phrasengewirr. Überhaupt ist Hulots Welt eine Geräusch-Welt. Noch vor ihrer Tücke macht sich der Klang der Objekte bemerkbar. Was in ''Les vacances de Monsieur Hulot (1953)'' das Klong einer Schwingtür war, ist in den ersten zwei Dritteln von ''Playtime'' das furzende Geräusch eines omnipräsenten neuartigen Plastiksesseltyps: Leitmotiv der Tyrannei dinglicher Routine, hier: der zeitgenössischen urbanen Architektur des Hochhausviertels. Tati hat sein Metropolis mit enormem bühnenbildnerischen Aufwand bauen lassen. Irritierend dabei, dass sich immer wieder unscheinbare Figuren im Hintergrund bei genauerem Hinsehen als schwarz-weiße Attrappen entpuppen, wie sie auch in einem Architekturmodell stehen könnten. Diese Pappkameraderie ist nichts weniger als Sparmaßnahme, vielmehr Verweis auf das Entfremdungspotential dieser Architektur. Sie zwingt die Menschen als reine Vektoren durch Flure und Straßen. Die Glasflächen spiegeln zwar Durchlässigkeit nach Innen vor. Doch die Geräusche, die für Tati von so hohem Erkenntniswert sind, werden von ihnen abgeblockt, und die Passanten rennen sich daran regelmäßig die Nase ein. Durchsichtigkeit ist noch keine Transparenz. Auch die Reflexion führt oft in die Irre, wie im Fall der surrealen Pariser Postkartenmotive, die sich immer wieder ohne sichtbaren Zusammenhang mit den Raumkoordinaten von Tatis Erzählwelt in Glasflächen spiegeln und an die Virtualität dieses Paris erinnern. Auch Hulot strauchelt zunächst an solchen Grenzen und an den Verwicklungen von Innen und Außen. Er wird von Aufzugstüren gefangen, von schallschluckenden Türen verwirrt, oder er kann einfach den elektrischen Öffner nicht finden. Aber dann drehen sich die Machtverhältnisse von Mensch und Architektur. Der langsam aufgebaute anarchische Höhepunkt ereignet sich in einem frisch eröffneten Nobelrestaurant, wo sich die Figuren von ''Playtime'' zufällig treffen. Hulot ist dabei Katalysator, nicht Partyschreck. Erst zerstört er aus Versehen die hiesige Glastür, dann bringt er die Deckenverkleidung zum Einsturz. Aus einer affigen Soiree mit Tanz wird ein kreatives Chaos, bei dem Hulot sogar in die Nähe eines Flirts kommt. Die Befreiung kommt aus der Phantasie der Beteiligten - und der Betrachter. Diese Botschaft macht der märchenhafte Ausklang von ''Playtime'' klar, der sich organisch in die Rhythmik des Films fügt. Nach Tagesanbruch begeben sich alle auf den Heimweg, und ein Kreisverkehr verwandelt sich in ein Jahrmarktskarussell, das uns Tati anstaunen lässt wie der kleine Junge in ''Jour de fête'' (1947). Die Straße wird zum Festplatz, wenn wir ihn nur sehen wollen. Das ist wenig umstürzlerisch, vielleicht infantil, jedenfalls romantisierend. Aber es ist zutiefst menschlich. Jakob Hesler
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