Running Out Of Time
Johnnie To, HK 1999

Die Zeit läuft davon. Kann man der Zeit davonlaufen? Zum Beispiel durch die Freundschaft? Ich will es hoffen. Johnnie To hilft mir dabei, indem er sie unter den Bedingungen der Feindschaft keimen läßt und ihr eine Elegie in Stahlblau singt. Gangster Wah hat Krebs und noch vier Wochen zu leben: er ist "running out of time". Er denkt nicht an Freundschaft, sondern an Rache für seinen Vater. Den besten Bullen der Stadt macht er sich dafür zum unfreiwilligen Helfer, indem er ihn mit falschen Fährten füttert. Auch Inspektor Sang denkt nicht an Freundschaft, sondern erledigt seinen Job: mit Geiselnehmern verhandeln. Der negotiator fängt Leute unter Vorspiegelung von Vertrauen. Seine Berufskrankheit ist die Einsamkeit, Sangs Leben eine Kette scheiternder Kommunikation. Doch jetzt wird das Vertrauen plötzlich echt. Oder doch nicht?

- Der Männerbund Cop-Gangster ist keine neue Idee. Aber To inszeniert sie mit einer souveränen Gelassenheit, für die man wohl seit Jahrzehnten drei Filme im Jahr gemacht haben muß. Vor allem ist "Running Out Of Time" viel weniger naiv, als der pathetische Soundtrack (chinesischer Dudelsack-Ethno) befürchten läßt. Die Freundschaft bleibt nämlich asymmetrisch und unsicher, bleibt beinahe ungelebt, wird als prekäre Möglichkeit ausgelotet. Der coole Wah (Andy Lau) ist der rätselhafte Manipulator, über den sich der nicht weniger coole, aber konsequent viel menschlicher gezeichnete Sang (Lau Ching Wang) immer wieder ärgert und freut. Wah hat für ihn alle möglichen ferngesteuerten und zeitgezündeten Spuren und Fallen inszeniert (kommunikative Prothesen des einsam Sterbenden, Mikrospiegelungen seines Countdowns).

Seine trickreichen Täuschungsmanöver sind nicht nur dramaturgische Schachzüge des Thrillers: jeder ist zugleich Zug im zwischenmenschlichen Spiel, das selbst dann noch zwischen Sportsgeist, Vertrauensbildung und -mißbrauch changiert, als Sang sich überwindet und mit Wah kooperiert. Ein Männerspiel? Nicht ganz. Nach dem Finale begegnet Sang einer Frau, die Wahs Weg gekreuzt hat. Auch sie trägt die Erinnerung. Menschen leben nur in anderen Menschen. Erst recht, wenn sie tot sind.

Jakob Hesler



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