Die Royal TenenbaumsDie Royal Tenenbaums, (The Royal Tenenbaums), USA 2001. R: Wes Anderson, B: Wes Anderson, Owen Wilson, P: Wes Anderson, Rudd Simmons, Owen Wilson, K: Robert Yeoman, S: Dylan Tichenor, D: Gene Hackman, Anjelica Huston, Ben Stiller, Gwyneth Paltrow, Luke Wilson, Owen Wilson, Bill Murray, Danny Glover.
Buena Vista, 14. März 2002

O Tenenbaum!

Der alte Royal Tenenbaum ist ein Bub geblieben, ein selbstverliebter, ungezogener Bengel. Vielleicht ist das der Grund, dass seine drei Kinder so unglaublich schnell gealtert sind. Sohn Chas ist noch vor dem Stimmbruch groß ins Immobiliengeschäft eingestiegen, um später die Finanzwelt gehörig aufzumischen. Jetzt trauert er nur noch seiner Frau hinterher, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, und probt mit seinen zwei Söhnen jede Nacht den Ernstfall: Feuer, Erdbeben, was auch immer, sicher ist man nie. Adoptivtochter Margot hatte schon vor ihrer Einschulung ihren Durchbruch als Bühnenautorin und hat im zarten Alter von sechs Jahren promoviert. Jetzt steckt sie nach einer wilden Jugend in einer unglücklichen Ehe mit einem Neurologen und schließt sich mit Schreibblockade im Bad ein, wo sie in der Wanne liegend fernsieht.

Richie schließlich ist talentierter Tennisspieler und hat die amerikanischen Meisterschaften dreimal in Folge gewonnen, bis er sich eines Tages auf dem Court während eines Matches nackt ausgezogen hat. Er durchstreift nun auf seinem eigenen Kreuzschiff die sieben Weltmeere, an der Liebe zu Margot leidend. Aus unterschiedlichen Gründen werden die drei zu Mutter Tenenbaum in die New Yorker Stadtvilla zurückkehren, und auch Royal wird plötzlich wieder dort auftauchen. Er ist pleite und muss nach zwanzig Jahren seine Hotelsuite räumen. Also entdeckt er seine Liebe zur Familie wieder und gibt vor, Magenkrebs im Endstadium zu haben. Sein Junkfood-Konsum wird ihn allerdings überführen.

"Family is not a word, it´s a sentence", lautet der englische Untertitel zu Wes Andersons drittem Spielfilm "Die Royal Tenenbaums". Und eine interessante Konstellation ist das schon, die ganze Familie wieder unter einem Dach, nachdem jeder schon sein eigenes Leben verpfuscht hat. Die alten Wunden brechen wieder auf, aber es ist zu spät, noch mal neu anzufangen. Aber man darf von Wes Anderson natürlich keine ernsthafte Familienstudie erwarten. Wie schon in seinem Vorgängerfilm "Rushmore" entwirft er auch hier einen Menschenzoo egomanischer Exzentriker, und es geht ihm dabei keineswegs um die Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen. Andersons Bestreben ist nichts weiter, als dem diffusen privaten Unglück den größtmöglichen Glamour zu verleihen.

Das hat seinen Reiz: Krank und verstört fühlen wir uns alle irgendwie, vor allem wenn wir an unsere Familiengeschichte denken. Und wir alle wünschen uns auch, dabei möglichst gut und interessant auszusehen. Wenn wir nur genügend Geld hätten, könnten Andersons Figuren und ihr Verhalten uns ein Vorbild sein. Aber eben nur ein Bild. Die Ausstattung spielt in diesem Film die Hauptrolle, die Kostüme, vor allem aber die ausgefeilten Interieurs, denen hier die Hauptverantwortung für die Charakterzeichnung überlassen wird. Der Film ist ein Patchwork aus Rückblenden und gegenwärtigen Situationen, die alle keine Geschichte erzählen wollen, sondern nur darauf aus sind, comicbunte Bilder von sterbenden Schwänen zu zeichnen, die traurig und schön sind und vor allem eins nicht sein dürfen: normal. Denn normal sind wir, die Zuschauer, und normal kommen uns auf einmal auch unsere anderen Filmhelden vor, mit denen wir uns so gerne identifizieren.

In die Royal Tenenbaums können wir uns dagegen nur sinnlos verlieben, so wie wir uns damals verliebt haben, ganz am Anfang, als es noch keine Normalität gab, sondern Prinzen und Prinzessinnen, und als ein hässliches Reihenhaus in unserer Phantasie nicht von einem Schloss zu unterscheiden war, ein Kinderzimmer Thronsaal, Paradies und Folterkammer zugleich war. Wir verlieben uns also noch einmal, allerdings unglücklich, denn eigentlich wollen wir nur sein wie sie. Das aber nur ganz kurz, für anderthalb Stunden, nein, nicht ganz, denn schon vor dem Ende des Films stellt sich ein Gefühl der Ernüchterung, ja der leichten Übelkeit ein. Wir kommen aus dem Kino und machen eine seltsame Erfahrung: Was uns eben noch gefesselt hat, wirkt plötzlich schal und abgestanden. Was auf einmal viel spannender erscheint: Die Erinnerung daran, dass wir selbst einmal Prinzen und Prinzessinnen waren, Royals eben, die in Reihenhausschlössern residiert und in hochherrschaftlichen Kinderzimmern das Zepter geschwungen haben. Und da wir nicht gestorben sind, leben wir noch heute.

Dirk Schneider

A propos "Tenenbaums":

Der Name scheint tatsächlich Großes zu verheißen. Eine Eingabe bei Google fördert Malerinnen, Gehirnforscher, Dirigenten und sogar eine Polizeipräsidentin zutage.



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