Rivers and TidesRivers and Tides, D 2000. R,B,K,S: Thomas Riedelsheimer. M: Fred Frith, eingespielt von Fred Frith, Wolfgang Styri, Karoline Höfer, Bernd Settelmeyer. 90 Minuten.
piffl-Medien, 7.März 2002.

Entmystifizierte Sandburgen

Reinhold Messner hat neulich im "Philosophischen Quartett" gesagt, er sei eigentlich mehr Künstler als Sportler. Mit dem fotografierenden Land-Artisten Andy Goldsworthy verhält es sich gerade umgekehrt: er ist eigentlich mehr Naturbursche als Künstler. Dabei zählen seine Arbeiten auf dem deutschen Kunstmarkt zu den erfolgreichsten, zumindest was das Segment der Fotobildbände angeht. Goldsworthys Bücher verkaufen sich zu Hunderttausenden, sie werden von Zweitausendeins vertrieben und liegen dort gleich neben der Getreidekreisliteratur aus. Kein Zufall vielleicht: beiden gemeinsam ist der esoterische Ansatz. Ganz ähnlich wie die mutmaßlichen extraterrestrischen Landschaftsarchitekten konfrontiert Goldsworthy in seinen Installationen aus natürlichen, vor Ort gewonnenen Materialien (wie Gestein oder Eiszapfen) die Natur mit dem gestalterischen Eingriff des Menschen. Dann überantwortet er das Artefakt der Zerstörung durch den Zahn der Zeit und läßt so Mutter Erde wieder die Oberhand gewinnen. Aus den Spannungen solcher Prozesse erhofft er sich die Freisetzung kosmischer Energieflüsse.

So jedenfalls die Selbstdeutung, die der durchaus bescheiden auftretende Schotte in Thomas Riedelsheimers Doku "Rivers and Tides" (2000, Dt. Kamerapreis 2001) äußert. Wenn er nun zum Beispiel am Strand ein riesiges Iglu aus Treibholz auftürmt, um es dann der Flut auszusetzen, dann muß man allerdings auch den künstlerischen Gehalt solcher Experimente als bescheiden bezeichnen. Handelt es sich doch bloß um ontologische Grenzversuche, deren Syntax des Werdens und Vergehens sich stereotyp wiederholt. Ihre fast schon kultische Aura speist sich aus dem mystifizierenden Appell an eine höhere Einheit von Mensch und Natur, die in der Landschaft überraschend sichtbar werden soll. Aber dabei handelt es sich um ein abgekartetes Spiel: daß der Fluß das Holz-Iglu dann doch nicht einstürzt, sondern es wegschwemmt und sanft auflöst, hat Goldsworthy in geschickter Anordnung bewußt vorkalkuliert. Manchmal treten in seinen Arbeiten zwar unvermutete Eigenarten des Materials zutage, so die radikale Röte zerriebener eisenhaltiger Flußkiesel. Doch öfter noch wird es zum Dekor verniedlicht, so die pittoreske Rötung irisförmig arrangierten Herbstlaubs.

Wenn nun aber Regisseur und Kameramann Riedelsheimer Goldsworthy beim mühsamen, nerven- und händeaufreibenden Aufschichten der vertrockneten Holzprügel filmt, dann gewinnt der Betrachter diesem Tun plötzlich eine neue Dimension ab. Man sieht, wie das Iglu zwischendurch beinahe zusammenbricht - ungeplant. Was im Bildband abfotografiert auf metaphysischen Mehrwert pocht und dabei im ganzheitlichen Kitsch steckenbleibt, verflüssigt sich in der filmischen Studie zur Kontemplation kindlichen Spiels, zur faszinierenden Selbstgenügsamkeit des Sandburgenbauens. Je mehr Goldsworthys Aktionen so der Werkhaftigkeit entkleidet werden, desto mehr Vergnügen machen sie in ihrem zeitlichen Verlauf. Er greift beidarmig in den Schnee, wirft ihn in die sonnige Luft, und wir freuen uns mit ihm an den flüchtigen Glitzerformationen; ein Phänomen, das man als Raucher zur Genüge kennt und dennoch zu betrachten nicht müde wird.

Riedelsheimer, der Goldsworthy zwischendurch auch beim Bildersortieren oder Verhandeln mit Auftraggebern zeigt, verzichtet weitgehend auf eigene ästhetische' oder kommentierende Bilder. Die Ausnahmen sind dezent und meist motiviert. Goldsworthy legt sich auf den Rücken, um den Regen seine Silhouette in den Sand nachzeichnen zu lassen - ganz kurz sehen wir, was auch er sieht: den Himmel. Ein Objekt ist rund - die Kamera umkreist es. Was im Bild Sinn macht, wirkt im Ton allerdings redundant. Der Soundtrack von Fred Frith verfällt immer wieder in simple illustrative Soundmuster. Goldsworthy erläutert vor einer Woll-Skulptur den geschichtlichen Einfluß der Schafherden auf die Landschaft der schottischen Highlands, und dem ansonsten doch eigensinnigen Klangbastler Frith fallen dazu nur Dudelsäcke ein.

Jakob Hesler



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