|
Sade Benoit Jacqout, F 2000. Marquis de Sade ist der Urahn der Sadisten. Aber selbst war er keiner. Er wollte die Menschen nicht erniedrigen, sondern befreien - von den Fesseln einer unmenschlichen Moral. Daniel Auteuil spielt ihn in "Sade" als Philosoph statt als Sexmonster. Humanismus statt Voyeurismus: das ist löblich, doch gelegentlich leider auch ein wenig langweilig. Jedenfalls für uns, das notorisch voyeuristische Publikum. Der alternde Literat und berüchtigte Lüstling entkommt 1794 knapp der Guillotine und wird in ein Luxusgefängnis für Adlige verlegt. Während Robespierre gerade in Paris eine läppische Ersatzreligion installiert - den "Kult des höchsten Wesens" - und damit die Fratze der losgelassenen Aufklärung unfreiwillig entblößt, ist de Sade, der Säulenheilige der Gegenaufklärung, mit seiner Haft gar nicht so unzufrieden. Seine wilden Zeiten liegen hinter ihm, und schreiben kann er hier auch. Und Bekanntschaften schließen: Als resignierter, aber warmherziger Menschenfreund gewinnt er das Vertrauen der jungen Emilie (Isild Le Besco). In trockenen Monologen, mit Kostproben obszöner Prosa führt er sie in seine Weltanschauung ein - Auteuils Augen blitzen dabei selbstironisch, und Emilies Erwiderungen werden immer frecher und selbständiger. Überhaupt sind es die Hauptdarsteller, die dieses unaufdringliche historische Porträt halbwegs mit Leben erfüllen. Und, ja: zum Schluß wird dann doch noch eine kleine Orgie samt Auspeitschen serviert. Was nichts daran ändert, daß Sades Botschaft in der Version von Regisseur Jacques Benoit ziemlich harmlos klingt. "Befreie Dich selbst! nötigenfalls auch mit Hilfsmitteln." Die über sich selbst aufgeklärte Aufklärung als angewandte Lebenskunst. Jakob Hesler
|