Shakespeare in Love
England/USA 1998, John Madden

Ende des 16. Jahrhunderts in London: William, bis dato nur ein zweitrangiger Schreiberling, leidet an einer Krise sowohl seiner Schaffens-, als auch seiner Manneskraft. Sein neues Stück “Romeo und Ethel, die Piratenbraut” besteht bisher nur aus dem schmissigen Titel, ist aber aufgrund akuten Geldmangels bereits an diverse Theater verkauft.

Dann passiert zweierlei: Beim Vorsprechen für den Romeo entdeckt Shakespeare in dem zarten Jüngling Thomas seine Idealbesetzung und am selben Abend trifft der größte Dramatiker aller Zeiten die schöne, reiche Viola. Was er nicht weiß: die junge Dame ist theaterbesessen und hat sich, da Frauen zu jener Zeit nicht auf der Bühne erlaubt sind, als Junge verkleidet unter dem Namen Thomas bei ihrem Lieblingsautoren vorgestellt.

Das ist die Ausgangslage, die viel Potential für Romanze und Intrige enthält, denn keine Liebe ohne Hindernisse. Daß am Ende der leidenschaftliche Jungpoet den Titel seines neuesten Stückes leicht abgeändert hat, sollte klar sein.

In shakespearehafter Manier erzählt “Shakespeare in Love” von niemand anderem als Shakespeare selbst. Herausgekommen ist ein kongeniales und hochromantisches Historienspektakel.

Höre ich da jemanden “Kenneth Branagh” murmeln und “aufgeblasener Kostümschinken”? Weit gefehlt!
Dekors, Kostüme, Ambiente sind zwar aufwendig, mit einer Mischung aus historischer Pracht und Schäbigkeit inszeniert, doch die Ausstattung bildet auf angenehme Weise nur den Hintergrund für quicklebendige Figuren, die sich mit großer Selbstverständlichkeit durch die Lebenswelt des 17. Jahrhunderts bewegen: Windige Theatermanager und eitle Schauspieler, ausgebeutete Dichter und korrupte Beamte, Adel und Pöbel in Tavernen, Spielhäusern und quirligen Gassen Londons.

Der Star des Filmes ist eindeutig das Drehbuch. Dafür verantwortlich ist Tom Stoppard, der mit “Rosenkranz und Güldenstern” schon einmal eine gekonnte Annäherung an Shakespeares Werk gewagt hat. Rosenkranz und Güldenstern sind Nebenfiguren in “Hamlet” und Stoppard hat sie zu den beckettschen Helden eines absurden Dramas gemacht. Hier wie dort vermischt Stoppard intelligent und amüsant Fragmente des Originals mit eigenen Texten zu sprühenden Dialogen.

Diesmal ist Shakespeare selbst die Hauptfigur, und da man über den Mann so gut wie nichts weiß, erfindet Stoppard schamlos die Geschichte der Liebe zwischen William und Viola als Vorbild für die Geschichte der Liebe zwischen Romeo und Julia. Der Film-Shakespeare beschreibt einerseits mit “Romeo und Julia”, wie er Viola liebt, zugleich erschafft er dieserart seine eigene Liebe und nimmt ihre tragische Entwicklung voraus. Dabei ist er keineswegs der autonome, nur aus sich selbst schöpfende Autor, sondern nimmt die Ideen vieler anderer, insbesondere Violas, auf. Am Ende hat er mit seinem Stück nicht nur seine Liebe schreibend erschaffen, sondern das Wesen der Liebe überhaupt formuliert.

Das ist nicht dumm und filmisch treffsicher umgesetzt. “Shakespeare in Love” ist großes und spielerisch leichtes Unterhaltungskino, Kino des Spektakels und der Rührung, der Romantik und der Albernheit, allerbestes Gefühlskino. Der Film ist so gut, der bringt sogar die anämische Gwyneth Paltrow zum Strahlen, die Montage ist so gut, da verzeih’ ich sogar ewig schmeichelndes Kreiseln der Kamera.

Ich jedenfalls wünsche Regisseur John Madden (“Ihre Majestät, Mrs. Brown”) viel Glück mit allen seinen Oscar-Nominierungen, ich glaube, es sind an die 43, und daß er den pathetischen “Saving Private Ryan” mit seinem sprühenden Feuerwerk der Unterhaltung in allen Kategorien aus dem Feld schlägt.

Björn Vosgerau



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